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Häufig gestellte Fragen

Was muss ein ERP für die Kunststoffverarbeitung können?

Über die klassischen ERP-Funktionen wie Einkauf, Lager, Auftrag und Rechnung hinaus braucht ein ERP für Spritzguss, Extrusion oder Blasformen branchenspezifische Module: eine Werkzeug- und Formenverwaltung mit Schusszählern, Standzeiten und Wartungsintervallen, ein Rezeptur- und Materialmanagement für Compounds, Farbmischungen und Regranulat-Anteile sowie eine durchgängige Chargenrückverfolgung vom Granulat-Wareneingang bis zum Endprodukt. Zentral ist die Maschinendatenerfassung (BDE/MDE), die Zykluszeiten, Gut- und Ausschussmengen sowie Stillstände möglichst automatisch von der Maschine übernimmt. Für regulierte Endkunden in Automotive oder Medizintechnik kommen Anforderungen an Rückverfolgbarkeit und Qualitätsdokumentation hinzu, häufig kombiniert mit EDI für Lieferabrufe. Welche dieser Bausteine wirklich benötigt werden, hängt vom Verfahren und der Kundenstruktur ab und sollte vorab im Lastenheft priorisiert werden.

Wie wird die Spritzgussmaschine an das ERP angebunden (EUROMAP, OPC UA)?

Für die Anbindung von Spritzgießmaschinen an überlagerte MES- und ERP-Systeme hat sich der Standard EUROMAP 77 etabliert, eine OPC-UA-basierte Schnittstelle für Spritzgießmaschinen, die den dateibasierten Vorgänger EUROMAP 63 ablöst. EUROMAP 77 wird im Rahmen der gemeinsamen Arbeitsgruppe von EUROMAP, VDMA und OPC Foundation gepflegt und ist inhaltlich identisch mit der Companion Specification OPC 40077. Der Vorteil ist die herstellerunabhängige Kommunikation: Maschinen verschiedener Anbieter wie Arburg, Engel oder KraussMaffei lassen sich über eine einheitliche Schnittstelle anbinden, statt für jede Maschine eine eigene Insellösung zu pflegen. In der Praxis übernimmt häufig ein MES die maschinennahe Erfassung über OPC UA und reicht aggregierte Daten an das ERP weiter; Altmaschinen lassen sich teils per Nachrüst-Gateway integrieren.

Wie unterstützt ein ERP Rückverfolgbarkeit und die Rezyklat-Pflichten der EU-Verpackungsverordnung (PPWR)?

Ein ERP dokumentiert die lückenlose Chargenrückverfolgung von der Materialannahme über Werkzeug, Maschine und Zyklus bis zur Auslieferung, was für regulierte Branchen wie Automobil- und Medizintechnik unverzichtbar ist. Mit der EU-Verpackungsverordnung (PPWR, Verordnung 2025/40) gewinnen zudem Rezyklat-Anteile an Bedeutung: Ab 2030 gelten Mindestquoten für Rezyklat in Kunststoffverpackungen, gestaffelt nach Anwendung, mit einer weiteren Anhebung ab 2040. Für Verpackungshersteller heißt das, dass Neuware- und Regranulat-Anteile in den Stammdaten und Rezepturen sauber abgebildet und nachweisbar sein müssen, da die Verordnung auch Kennzeichnungs- und Nachweispflichten zur Materialzusammensetzung vorsieht. Da sich Detailregelungen und delegierte Rechtsakte noch konkretisieren, sollten Verarbeiter die Anforderungen laufend prüfen; das ERP liefert dafür die Datenbasis, ersetzt aber nicht die rechtliche Einzelfallbewertung.

Was kostet ein ERP für die Kunststoffverarbeitung?

Realistische Gesamtkosten für ein Kunststoffverarbeitung-ERP liegen im Mittelstand grob zwischen 280.000 und 1.300.000 Euro über die ersten drei bis fünf Jahre, stark abhängig von Anwenderzahl, Standorten und Customizing-Tiefe. Branchenspezifische Bausteine wie Spritzguss-MES-Integration und Werkzeugverwaltung schlagen erfahrungsgemäß mit rund 80.000 bis 220.000 Euro zusätzlich zu Buche. Bei On-Premise-Lizenzmodellen kommen jährliche Wartungs- und Update-Gebühren von typischerweise 18 bis 22 Prozent der Lizenzkosten hinzu, während Cloud-Modelle meist als Subscription je Nutzer und Monat abgerechnet werden. Da die Spannen je nach Anbieter und Projektumfang erheblich variieren, sind diese Werte als Orientierung zu verstehen; eine belastbare Kalkulation ergibt sich erst aus dem konkreten Lastenheft. Mehr dazu in unserem Leitfaden ERP-Kosten.

Wie lange dauert die Einführung eines Kunststoff-ERP?

Mittelständische ERP-Einführungen in der Kunststoffverarbeitung dauern typischerweise rund 11 bis 22 Monate, während größere Multi-Site- oder Konzernprojekte 30 bis 48 Monate beanspruchen können. Eine Besonderheit der Branche ist die Migration der Werkzeug- und Form-Stammdaten inklusive Standzeiten- und Lebensdauer-Tracking, die oft 3 bis 5 Monate in Anspruch nimmt, weil viele dieser Daten noch papierbasiert oder verteilt vorliegen. Grob entfallen etwa 60 Prozent der Projektdauer auf Konzeption, Customizing und Datenmigration und rund 40 Prozent auf Tests, Schulungen und den produktiven Roll-out. Eine strukturierte Vorbereitung verkürzt die Laufzeit spürbar; eine Orientierung bietet unsere ERP-Implementierungs-Checkliste.

Cloud oder On-Premise für Kunststoffverarbeiter?

Beide Betriebsmodelle sind in der Branche verbreitet, und die Wahl hängt vom Anpassungsbedarf und der IT-Strategie ab. Cloud-Lösungen gewinnen bei kleineren und mittleren Anwendungen an Bedeutung, weil sie geringere Anfangsinvestitionen und planbare laufende Kosten bieten und Updates zentral eingespielt werden. On-Premise bleibt erste Wahl, wenn sehr individuelle Prozesse, tiefe Maschinen- und MES-Integrationen oder besondere Anforderungen an Datenhoheit im Vordergrund stehen. Gerade bei der maschinennahen Erfassung in der Fertigung sind Latenz und Stabilität der Anbindung ein praktisches Kriterium, das oft hybride Architekturen begünstigt. Eine Abwägung der Vor- und Nachteile finden Sie unter Cloud vs On-Premise.