ERP für Projektgeschäft: kunden- und auftrags-getriebene Wertschöpfung
Im Projektgeschäft entstehen Umsätze nicht aus standardisierten Produkten, sondern aus individuell kalkulierten Aufträgen. Maschinenbauer mit Sonderanfertigungen, Anlagenbauer, IT-Dienstleister mit Time&Material-Verträgen, Engineering-Büros — alle teilen die gleiche ERP-Herausforderung: jeder Auftrag ist anders, die Marge entsteht (oder schmilzt) über die gesamte Projekt-Laufzeit.
Dieser Use-Case beschreibt die spezifischen ERP-Anforderungen im Projektgeschäft — Vorkalkulation, Mitlauf-Kalkulation, Nachkalkulation, Ressourcen-Steuerung — und zeigt, welche ERP-Lösungen das DACH-Projektgeschäft am besten unterstützen.
Drei Kalkulations-Phasen im Projektgeschäft
Vorkalkulation (vor dem Angebot): basierend auf Lastenheft des Kunden, eigenem Erfahrungs-Wissen, Material-Standardpreisen und Stunden-Schätzungen. Ergebnis: Angebots-Preis mit kalkulatorischer Marge. Genauigkeit: typisch ±10-25 %. Mitlauf-Kalkulation (während des Projekts): Ist-Aufwände werden gegen Plan-Aufwände verglichen. Frühwarnung bei Abweichungen — z. B. wenn die Material-Kosten 20 % höher liegen als kalkuliert oder die Engineering-Stunden 30 % über Plan sind. ERP muss aktuelle Ist-Daten in Echtzeit liefern. Nachkalkulation (nach Projekt-Abschluss): tatsächliche Ist-Marge wird ermittelt und gegen Plan verglichen. Wichtig für die Lern-Schleife: welche Kalkulations-Annahmen waren zu optimistisch, welche zu pessimistisch? Daten fließen in zukünftige Vorkalkulationen ein.
Werker-Logik: Stunden-Erfassung als ERP-Pflicht
Im Projektgeschäft sind Personal-Stunden ein Hauptkosten-Block — und gleichzeitig der schwierigste zu messen. Klassische Stunden-Erfassung über Wochen-Zettel gibt zu späte Daten. Moderne ERP-Lösungen bringen Werker-Terminals mit: am Arbeitsplatz wird per RFID, Tablet oder Mobile-App auf einen Auftrag eingebucht. Stunden werden in Echtzeit dem Auftrag zugeordnet. Für Engineering- und IT-Dienstleister gilt das gleiche Prinzip in der Software-Welt: Time-Tracking-Tools (Toggl, Harvest, Clockify) integriert mit dem ERP, sodass abrechenbare Stunden direkt in Aufträgen verbucht werden. Wichtig: Pflicht-Disziplin beim Buchen — wenn Mitarbeiter Stunden erst Tage später nachpflegen, sind die Mitlauf-Daten unbrauchbar.
Ressourcen-Planung: Maschinen, Material, Mitarbeiter
Ressourcen-Engpässe sind die häufigste Ursache für Projekt-Verzögerungen. ERP-Funktionen, die helfen: Kapazitäts-Planung: pro Maschine, pro Mitarbeiter, pro Werkstatt — wann ist was frei? Visualisiert in Gantt-Charts, mit Konflikt-Erkennung. Materialbedarfs-Disposition: bei Auftrag-Erteilung wird automatisch geprüft, welche Materialien wann verfügbar sein müssen. Auslöser für Beschaffung mit Vorlauf-Zeiten. Schichtplan-Integration: bei Personal-Engpässen werden zusätzliche Schichten geplant, die Personal-Kosten fließen in die Mitlauf-Kalkulation. What-if-Szenarien: bei kurzfristigen Anfragen ('können wir das in 6 Wochen liefern?') wird die Auswirkung auf laufende Projekte simuliert.
Margen-Reporting: pro Auftrag, pro Kunde, pro Geschäftsjahr
Im Projektgeschäft ist die durchschnittliche Marge irreführend — relevant ist die Margen-Verteilung über die Aufträge. Standard-Reporting-Dimensionen: Pro Auftrag: Plan-Marge vs. Ist-Marge, mit Aufschlüsselung nach Kosten-Block (Material, Lohn, Fremdleistung). Pro Kunde: aggregierte Marge über alle Aufträge, ggf. mit Lifetime-Sicht. Pro Auftragsart: Standard-Aufträge typisch höhere Marge als Sonderfälle, ERP sollte diese Dimension liefern. Pro Vertriebs-Mitarbeiter: Provisionen und Erfolgs-Bewertung. Pro Geschäftsjahr: Trends erkennen, ob die Margen im Mehrjahres-Vergleich stabil sind. Ohne dieses Reporting wird Projektgeschäft 'aus dem Bauch' gesteuert — nicht nachhaltig profitabel.
ERP-Lösungen für DACH-Projektgeschäft
Maschinenbau-fokussiert: ProAlpha ERP, abas-ERP, audius, Aptean ERP oxaion. Diese bringen Variantenkonfiguration, Stücklisten-Tiefen und Auftrags-Logik im Standard mit. Anlagenbau und Engineering: SAP Business One mit Engineering-Add-on, Microsoft Dynamics 365 Business Central mit Project-Modulen, Sage X3. IT-Dienstleister mit Time&Material: Odoo (starkes Project-Modul), NetSuite (SuiteProjects), spezialisierte Lösungen wie Mavenlink oder Kantata. Kreativ-Agenturen und Beratungs-Häuser: oft Odoo, Microsoft Dynamics 365 BC oder spezialisierte Werkzeuge wie Microsoft Project Online.
Verwandter Begriff: ZUGFERD – Definition und Praxis-Beispiel im Glossar.
