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Häufig gestellte Fragen

Was unterscheidet Tier-1, Tier-2 und Tier-3 und was bedeutet das fürs ERP?

Tier-1-Zulieferer liefern Baugruppen oder komplette Systeme direkt an den OEM (etwa Bosch, Continental oder ZF), Tier-2 liefert Unterbaugruppen und Komponenten an Tier-1, und Tier-3 stellt einzelne Bauteile wie Schrauben, Lager oder Dichtungen bereit. Nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie (VDA) entfallen rund 70 Prozent der Wertschöpfung eines Fahrzeugs auf die überwiegend mittelständisch geprägten Zulieferer, und die deutsche Automobilindustrie beschäftigt insgesamt mehrere Hunderttausend Menschen. Für das ERP bedeutet das gestaffelte Anforderungen: Ein Tier-1 muss die volle VDA-EDI-Bandbreite, JIT/JIS-Steuerung und IATF 16949 abbilden, während bei Tier-2 und Tier-3 häufig schlankere EDI-Prozesse und ein QM nach ISO 9001 ausreichen. Die genaue Funktionsbreite hängt jedoch stark vom konkreten Kundenkreis und der Customizing-Tiefe ab.

Welche EDI-Standards und Nachrichtenarten sind im Automotive Pflicht?

In der deutschen Automobilindustrie sind VDA-Standards verbreitet, etwa der klassische Lieferabruf VDA 4905 (heute durch VDA 4984 abgelöst) und das Lieferavis VDA 4913 (heute VDA 4987), während in Europa ODETTE und in den USA der ANSI-X12-Standard dominieren. Auf EDIFACT-Basis sind die zentralen Nachrichten der Lieferabruf DELFOR (mittel- bis langfristige Vorschau über mehrere Monate bis zu einem Jahr), der Feinabruf DELJIT, das Lieferavis DESADV (ASN) sowie die Rechnung INVOIC. Welche dieser Standards verbindlich sind, gibt nicht der Gesetzgeber, sondern der jeweilige Kunde über seine Lieferantenvorgaben vor. Die Lizenzkosten machen dabei typischerweise nur einen kleineren Teil der Gesamtprojektkosten aus; der Großteil entfällt auf Customizing, Implementierung, Schulung und Datenmigration.

Worin unterscheiden sich JIT und JIS in den ERP-Anforderungen?

Just-in-Time (JIT) stellt sicher, dass das richtige Teil zum richtigen Zeitpunkt am Montageband eintrifft, während Just-in-Sequence (JIS) zusätzlich die exakte Verbaureihenfolge garantiert und jedes Bauteil einem konkreten Fahrzeug auf dem Band zuordnet. JIS ist damit eine Weiterentwicklung von JIT und stellt deutlich höhere Anforderungen an das ERP, weil die vom OEM übermittelten Sequenznummern nahezu in Echtzeit verarbeitet werden müssen. Das System braucht dafür eine Sequenz-Logik, eine feingranulare Behälter- und Zeitsteuerung sowie Eskalations-Workflows bei drohenden Sequenzbrüchen. Fehler in der Reihenfolge führen am Band unmittelbar zu Stillständen und ziehen häufig vertraglich vereinbarte Pönalen nach sich.

Ist IATF 16949 für Automobilzulieferer verpflichtend?

Die IATF 16949 ist eine von der International Automotive Task Force getragene Spezifikation für Qualitätsmanagementsysteme, die den vollständigen Text der ISO 9001 übernimmt und ihn um automobilspezifische Anforderungen ergänzt. Sie ist keine gesetzliche Pflicht, in der Praxis aber meist eine vertragliche bzw. marktseitige Voraussetzung, um überhaupt als Serienlieferant eines OEM gelistet zu werden. Das ERP unterstützt die Zertifizierung, indem es Elemente wie Erstmusterprüfung, Lenkungspläne, FMEA und Rückverfolgbarkeit abbildbar macht. Tier-2- und Tier-3-Betriebe arbeiten teils mit reduzierten Anforderungen oder nur nach ISO 9001, müssen aber bei Belieferung IATF-zertifizierter Kunden in der Regel vergleichbare Nachweise erbringen.

Brauche ich als Tier-2-Zulieferer eine Catena-X-Anbindung?

Catena-X ist ein offenes, dezentrales Daten-Ökosystem der Automobilindustrie (gegründet von OEMs und Zulieferern wie BMW, Volkswagen, Mercedes-Benz und Schaeffler) für den unternehmensübergreifenden Datenaustausch entlang der Lieferkette, etwa zu Demand-Forecast, Qualitätsdaten und dem Product Carbon Footprint (PCF). Der Druck steigt vor allem über CO₂-Reporting und regulatorische Vorgaben wie den Digitalen Produktpass, sodass auch Tier-2- und teils Tier-3-Zulieferer ab 2026/2027 zunehmend mit Catena-X-Anforderungen ihrer Kunden konfrontiert werden. Eine direkte Anbindung ist heute nicht für jeden zwingend, aber eine API-First-Architektur erleichtert den späteren Anschluss erheblich. Wie genau die Anforderung ausfällt, hängt vom jeweiligen Kunden, der Branche und der Position in der Kette ab.

Wie unterstützt ein ERP Erstmusterprüfung (PPAP/PPF) und IMDS-Pflichten?

Vor Serienstart verlangen Automobilkunden eine strukturierte Produkt- und Prozessfreigabe, in Europa als PPF nach VDA Band 2 und international als PPAP der AIAG mit mehreren Vorlage- bzw. Submission-Stufen. Ein leistungsfähiges ERP verwaltet die zugehörigen Bemusterungsdokumente, Lenkungspläne und Prüfnachweise und verknüpft sie mit Artikel- und Lieferantenstammdaten. Parallel verlangt das International Material Data System (IMDS) die Deklaration der Werkstoff- und Stoffzusammensetzung von Bauteilen, um Vorschriften wie REACH, RoHS und die Altfahrzeug-Richtlinie (ELV) nachzuweisen. Das ERP liefert hierfür die Stücklisten- und Materialdaten, die für IMDS-Meldungen und die durchgängige Rückverfolgbarkeit vom Bauteil bis zum Werkstoff benötigt werden.