Häufig gestellte Fragen
Wann lohnt sich ein projektfähiges ERP für die Projektfertigung?
Ein projektfähiges ERP ist sinnvoll, wenn ein nennenswerter Teil der Aufträge echten Projektcharakter hat, also auftragsspezifische Konstruktion, lange Durchlaufzeiten und häufige Nachträge mit sich bringt. Als grobe Orientierung gilt in der Praxis, dass sich der Mehraufwand spätestens dann rechnet, wenn ein wesentlicher Anteil des Umsatzes über Einzel- oder Kleinstserien statt über wiederkehrende Standardprodukte erwirtschaftet wird. Die konkrete Schwelle hängt jedoch stark von Branche, Auftragsstruktur und dem Verhältnis zwischen Engineering- und Fertigungsanteil ab und lässt sich nicht pauschal als feste Prozentzahl festlegen. Eine belastbare Entscheidung setzt deshalb eine Bewertung der eigenen Prozesse voraus, idealerweise auf Basis eines Lastenhefts.
Was unterscheidet Engineer-to-Order (Projektfertigung) von Make-to-Order und Assemble-to-Order?
Bei Engineer-to-Order, dem typischen Prinzip der Projektfertigung, löst der Kundenauftrag sowohl die individuelle Konstruktion als auch die anschließende Herstellung aus, sodass ein weitgehend neu ausgelegtes Unikat entsteht. Make-to-Order setzt dagegen auf ein bereits bestehendes Produktdesign, bei dem mit dem Auftrag nur Konfiguration und Produktionszeitpunkt festgelegt werden, ohne nennenswerten Konstruktionsanteil. Assemble-to-Order fertigt Baugruppen vorausschauend nach Prognose und montiert sie erst auftragsbezogen zur kundenspezifischen Endausprägung, liegt also zwischen Lager- und Auftragsfertigung. Allen drei Verfahren ist gemein, dass sie als Pull-Prinzipien durch den eingehenden Kundenauftrag angestoßen werden; sie unterscheiden sich vor allem im Konstruktions- und Vorfertigungsanteil.
Wie geht ein ERP mit wachsenden Stücklisten in der Projektfertigung um?
In der Projektfertigung steht die vollständige Stückliste oft noch nicht fest, wenn bereits beschafft und gefertigt werden muss, weil lange beschaffbare Großkomponenten häufig Wochen vor Abschluss der Detailkonstruktion bestellt werden. Klassische Standardsysteme verlangen meist, dass ein Artikel vollständig konstruiert und freigegeben ist, bevor Teile disponiert werden können, was im Projektgeschäft zu spät käme. Projektorientierte ERP-Lösungen unterstützen deshalb das Konzept der mitwachsenden beziehungsweise unfertigen Stückliste, bei dem noch nicht final ausdetaillierte Baugruppen bereits disponiert und beschafft werden können. Parallel laufen Änderungen über ein Engineering-Change-Management, das spätere Konstruktionsanpassungen kontrolliert in Struktur, Beschaffung und Kalkulation einsteuert.
Was bedeutet mitlaufende Kalkulation und warum ist sie in der Projektfertigung wichtig?
Die mitlaufende Kalkulation ist ein fortlaufender Plan-Ist-Vergleich, bei dem die tatsächlich angefallenen Kosten für Material, Eigenleistung und Fremdleistung laufend gegen die Vorkalkulation gestellt werden. In der Projektfertigung ist sie deshalb so wichtig, weil bei langen Laufzeiten und hohen Auftragswerten eine Margenabweichung sonst erst nach Projektende sichtbar würde, wenn keine Korrektur mehr möglich ist. Werden Ist-Zeiten etwa über Betriebsdatenerfassung direkt aus der Werkstatt gebucht, kann die Projektleitung früh erkennen, ob Engineering-Stunden oder Materialkosten über Plan liegen, und gegensteuern. Die Nachkalkulation am Projektende liefert zusätzlich Erfahrungswerte, die in die Vorkalkulation künftiger Angebote zurückfließen.
Wie werden langfristige Projektfertigungsaufträge bilanziell behandelt?
Nach deutschem Handelsrecht greift grundsätzlich das Realisationsprinzip des Paragraf 252 Absatz 1 Nummer 4 HGB, sodass Gewinne erst mit der Abnahme realisiert werden und der Auftrag bis dahin überwiegend nach der Completed-Contract-Methode mit den Herstellungskosten als unfertige Erzeugnisse bewertet wird. Eine Teilgewinnrealisierung ist im HGB nur in eng begrenzten Ausnahmefällen vorgesehen, etwa bei wirtschaftlich und rechtlich abgrenzbaren Teilabnahmen. Nach IFRS 15 wird dagegen bei Erfüllung bestimmter Voraussetzungen eine zeitraumbezogene Umsatzrealisierung verlangt, in der Praxis häufig über die Percentage-of-Completion-Methode auf Basis des Verhältnisses der bereits angefallenen zu den insgesamt erwarteten Kosten (Cost-to-Cost). Da die Vorgaben komplex sind und sich zwischen HGB und IFRS unterscheiden, sollte die konkrete Behandlung mit dem Wirtschaftsprüfer abgestimmt werden.
In welchen Branchen ist Projektfertigung typisch?
Projektfertigung findet sich vor allem dort, wo Erzeugnisse weitgehend kundenindividuell konstruiert und in Losgröße 1 oder sehr kleinen Stückzahlen gefertigt werden. Klassische Felder sind der Maschinen-, Anlagen- und Apparatebau, der Werkzeug- und Formenbau, der Stahl-, Metall- und Industriebau, der Schiffbau und die maritime Industrie sowie der Laden- und Innenausbau und der Sonderfahrzeugbau. Verbreitet ist das Prinzip ebenso bei Sonderkonstruktionen und in der Bauzulieferung, also überall dort, wo jeder Auftrag einen hohen Engineering-Anteil hat. Maßgeblich für die Einordnung ist nicht die Branche selbst, sondern der Grad der kundenspezifischen Auslegung und die projektbezogene Steuerung des einzelnen Auftrags.
