Häufig gestellte Fragen
ERP oder MES – was deckt in der Fertigung was ab?
In der klassischen Automatisierungspyramide plant das ERP übergeordnet und kaufmännisch (was bis wann produziert wird, Material, Aufträge, Kosten), während das MES (Manufacturing Execution System) als Schicht darunter die Fertigung in Echtzeit ausführt und steuert (wie und womit konkret produziert wird). Das ERP plant also eher grob im Tages- bis Wochenraster, das MES feinsteuert im Sekunden- bis Minutenraster und meldet Ist-Daten an das ERP zurück. Bei einfachen Fertigungsstrukturen kann ein integriertes ERP-Produktionsmodul mit BDE/MDE ausreichen, während bei höherer Maschinenzahl, vielen parallelen Aufträgen und harten Echtzeit-Anforderungen ein dediziertes MES sinnvoll wird. Die genaue Abgrenzung hängt jedoch stark von Branche, Betriebsgröße und Automatisierungsgrad ab, weshalb sie projektspezifisch festzulegen ist.
Worin unterscheidet sich ein ERP für diskrete Fertigung von einem für Prozessfertigung?
Die diskrete Fertigung stellt abzählbare Einzelstücke aus mehreren Komponenten her (etwa Maschinen, Geräte, Fahrzeuge oder Möbel) und stützt sich daher auf mehrstufige Stücklisten, Arbeitspläne (Routings) und häufig Variantenkonfiguratoren. Die Prozessfertigung erzeugt dagegen durch Mischen, Vermengen oder chemisches Umwandeln ein neues, meist nicht mehr zerlegbares Endprodukt und arbeitet deshalb mit Rezepturen beziehungsweise Formeln, variablen Mengen und Einheiten sowie ausgeprägter Chargenverwaltung. Entsprechend benötigt ein Prozessfertigungs-ERP oft zusätzliche Funktionen wie Mengenausbeute-Berechnung, Nebenprodukt-Handling und teils LIMS-Anbindung für die Qualitätssicherung. Viele Betriebe haben hybride Anforderungen, sodass ein zur jeweiligen Fertigungslogik passendes oder beide Welten abdeckendes System ein zentrales Auswahlkriterium ist.
Wie lange dauert die ERP-Einführung in der Fertigung?
Die Projektdauer hängt stark von Komplexität, Anzahl der Standorte und Customizing-Tiefe ab und reicht erfahrungsgemäß von wenigen Monaten bei standardnaher Cloud-Einführung bis zu deutlich über ein Jahr bei stark angepassten Mittelstandsprojekten. Mehrwerk- und Konzern-Rollouts mit Schnittstellen zu MES, CAD/PLM und Finanzsystemen können noch länger laufen. Ein erheblicher Teil des Aufwands entfällt dabei nicht auf die Software selbst, sondern auf Konzeption, Stammdaten- und Bewegungsdaten-Migration (inklusive Validierung von Stücklisten und Arbeitsplänen) sowie auf Tests und Schulungen. Eine strukturierte Vorbereitung mit klarem Lastenheft und sauberen Stammdaten verkürzt die Laufzeit spürbar; eine Orientierung bietet die ERP-Implementierungs-Checkliste.
Welche Schnittstellen sind in einem Fertigungs-ERP kritisch?
Besonders kritisch sind die Anbindungen an CAD/PDM/PLM für die Stücklisten- und Konstruktionsübergabe, an MES/BDE für die Werker-Rückmeldung sowie an die Maschinenebene (MDE) für die automatische Erfassung von Maschinendaten und -zuständen. Für die Maschinenkommunikation hat sich der herstellerübergreifende Standard OPC UA (IEC 62541) etabliert, der Daten von Steuerungen unterschiedlicher Hersteller ohne proprietäre Speziallösungen ins ERP bringen kann. Auf der kaufmännischen Seite sind Anbindungen an Versand/EDI für die Kundenanbindung sowie an die Buchhaltung (etwa DATEV oder SAP-FI) relevant, wobei offene Standards wie REST-API, OData, EDIFACT und ZUGFeRD teure Individualschnittstellen vermeiden helfen. Für komplexere Landschaften können iPaaS-Plattformen die Integration flexibler gestalten als reine Punkt-zu-Punkt-Verbindungen.
Wie wichtig ist Chargen- und Seriennummern-Rückverfolgung im Fertigungs-ERP?
Die Rückverfolgbarkeit ist je nach Branche unterschiedlich streng geregelt: In der Lebensmittel- und Futtermittelproduktion verlangt Artikel 18 der EU-Verordnung (EG) Nr. 178/2002 mindestens die Nachverfolgung eine Stufe vorwärts und eine Stufe rückwärts, und für Lebensmittel tierischen Ursprungs schreibt die Durchführungsverordnung (EU) Nr. 931/2011 zusätzlich die Weitergabe einer Bezugsnummer zur Identifizierung von Partie, Charge oder Sendung vor. In regulierten Bereichen wie Pharma und Medizintechnik kommen zusätzlich GMP-Anforderungen und dokumentierte Prozesse hinzu, in der diskreten Fertigung dient die Seriennummern-Verfolgung vor allem der Gewährleistung, Reklamationsbearbeitung und Rückrufabwicklung. Auch wenn eine interne Chargenverknüpfung nicht in jedem Fall gesetzlich zwingend ist, lässt sich ohne sie bei einem Rückruf kaum eingrenzen, welche konkreten Chargen betroffen sind. Ein Fertigungs-ERP sollte daher durchgängige Chargen- und Seriennummern-Verwaltung über Wareneingang, Produktion und Versand hinweg abbilden können.
Was kostet ein ERP für die Fertigung und sollte man Cloud oder On-Premise wählen?
Die Kosten variieren stark mit Nutzerzahl, Funktionsumfang und Customizing-Tiefe, sodass für mittelständische Fertigungsbetriebe je nach Größe und Komplexität von mittleren fünfstelligen bis zu sechsstelligen Gesamtbeträgen über mehrere Jahre auszugehen ist, in größeren Mehrwerk-Projekten auch darüber. Ein erheblicher Anteil entfällt dabei typischerweise auf Implementierung und Beratung, ein kleinerer auf Lizenzen oder Abo-Gebühren sowie auf Schulung. Bei der Frage Cloud oder On-Premise gilt die Fertigung als vergleichsweise on-premise-affin, weil sensible Produktionsdaten, gewachsene IT-Strukturen und Echtzeit-Maschinenanbindung eine Rolle spielen, auch wenn der Cloud-Anteil im Mittelstand kontinuierlich steigt. Eine belastbare Entscheidung sollte auf einer Total-Cost-of-Ownership-Betrachtung über mehrere Jahre beruhen; Orientierung dazu bietet der Ratgeber zu ERP-Kosten.

