Preistransparenz im ERP-Markt: Wer nennt einen Preis — und wer nicht?
Wer ein ERP-System sucht, stößt früh auf dieselbe Wand: Auf der Herstellerseite steht kein Preis. Statt einer Zahl gibt es ein Kontaktformular, einen Demo-Termin oder den Satz, das hänge von den Anforderungen ab. Wir wollten wissen, wie verbreitet das wirklich ist – und haben nachgesehen.
Geprüft wurden am 11. August 2026 die 41 ERP-Systeme, die in unseren Vergleichen vorkommen: quer durch Cloud-ERP, klassisches Mittelstands-ERP und internationale Konzernsuiten. Gezählt hat ausschließlich, was der Hersteller auf seiner eigenen öffentlichen Website nennt. Preise auf Partner-, Reseller- oder Vergleichsportalen zählen nicht, weil sie keine Aussage des Herstellers sind.
22 von 41
Hersteller nennen auf der eigenen Website einen Preis — 19 von 41 tun es nicht.
95 %
der Cloud- und Commerce-Systeme veröffentlichen Preise — bei den klassischen Mittelstands-ERP ist es 1 von 15.
59 €
Median der veröffentlichten Einstiegspreise pro Monat. Die Spanne reicht von 9 € bis 999 €.
6
Hersteller betreiben eine Seite zum Thema Preis, auf der kein einziger Betrag steht.
Der eigentliche Befund: Es hängt nicht an der Größe, sondern am Geschäftsmodell
Die naheliegende Vermutung wäre, dass kleine Anbieter Preise zeigen und große sie verstecken. Das stimmt nicht. Der Bruch verläuft entlang des Vertriebsmodells: Wer sein Produkt über Selbstregistrierung und Testzugang verkauft, muss einen Preis nennen – sonst funktioniert der Trichter nicht. Wer über Beratung und Partner verkauft, kann es sich leisten, ihn wegzulassen.
In unserer Stichprobe zeigen 18 der 19 Cloud- und Commerce-Systeme Preise, aber nur 1 der 15 klassischen Mittelstands-ERP. Die internationalen Suiten liegen dazwischen: Microsoft veröffentlicht vollständige Preislisten pro Nutzer und Monat, SAP beziffert einen Teil seiner Cloud-Pakete, während NetSuite, Infor und SAP Business One keine Zahl nennen.
Das ist keine Anklage. Ein Fertigungs-ERP für 200 Anwender mit Schnittstellen zu Maschinen und Altsystemen lässt sich schlecht in eine Preistabelle pressen – die Implementierung kostet ohnehin ein Vielfaches der Lizenz. Aber es hat eine Konsequenz für Sie: In diesem Marktsegment gibt es keinen Weg an einem eigenen Anforderungsdokument vorbei, weil erst dieses den Preis überhaupt bestimmbar macht.
Was die Preise sagen — und was nicht
Die veröffentlichten Einstiegspreise liegen zwischen 9 € und 999 € pro Monat, der Median bei 59 €. Diese Spanne ist ehrlicherweise wenig aussagekräftig, weil die Bezugsgrößen auseinandergehen: Manche Angaben gelten pro Nutzer und Monat, andere als Mindestbuchungsbetrag für das gesamte System, wieder andere als Paketpreis inklusive einer festen Nutzerzahl.
Drei Muster sind trotzdem stabil:
Der genannte Preis ist fast nie der Gesamtpreis. Transaktionsgebühren, Zusatzmodule, Mindestumsätze und Implementierung stehen regelmäßig im Kleingedruckten oder gar nicht auf der Seite.
Der Rabatt-Preis steht vorn. Wo ein Umschalter zwischen monatlicher und jährlicher Zahlung existiert, ist die Jahresvariante voreingestellt — der monatliche Preis liegt 10 bis 20 Prozent höher.
Ein Listenpreis ist ein Ausgangspunkt, kein Endpreis. Rabatte im Bereich von 10 bis 30 Prozent auf Listenpreise sind im ERP-Vertrieb üblich; wer nicht verhandelt, zahlt den Aufschlag für die anderen mit.
Alle 41 Systeme im Einzelnen
Sortiert nach Marktsegment, innerhalb der Segmente zuerst die Anbieter mit Preisangabe. Der Beleg-Link führt zur geprüften Herstellerseite, der Systemname zu unserem Profil.
Cloud- und Commerce-ERP 18 von 19 nennen einen Preis
„Sites: $5 onwards /mo | Servers: $20 onwards /mo | Premium: $125 onwards /mo" BelegPreise nur in USD/INR, kein EUR-Tarif; Self-Hosting ist AGPL-lizenziert und kostenfrei
„SAP Finance Premium MONATLICHER PREIS EUR 350.00 In Blöcken von 1 Users Vertragslaufzeit auf Anfrage verfügbar Bereitgestellt in…" Belegbeziffert sind nur die Premium-Pakete Finance und Supply Chain; alle uebrigen Pakete stehen als 'Preis auf Anfrage'
„Recieve transparent pricing that meet your business requirements today." Beleg
Was Sie tun, wenn kein Preis dasteht
Die Abwesenheit eines Preises ist kein Grund, einen Anbieter auszusortieren — in dem Segment, in dem die meisten Mittelständler suchen, wäre danach fast niemand mehr übrig. Sie ist aber ein Grund, den Preis selbst vergleichbar zu machen. Vier Schritte, die sich bewährt haben:
Ein einheitliches Mengengerüst vorgeben. Nutzerzahl nach Rollen getrennt (Vollnutzer, Lesezugriff, Lager-Terminal), Mandanten, Standorte, Belegvolumen pro Monat, Datenmenge. Ohne dieses Gerüst rechnet jeder Anbieter mit anderen Annahmen — und Sie vergleichen anschließend Zahlen, die nichts miteinander zu tun haben.
Nach Gesamtkosten über fünf Jahre fragen, nicht nach dem Lizenzpreis. Lizenz, Wartung, Hosting, Implementierung, Schulung, Schnittstellen und die Kosten für den zweiten Releasewechsel gehören in dieselbe Tabelle. Unser TCO-Rechner gibt die Struktur dafür vor.
Die Preisanpassung vertraglich klären. Die entscheidende Frage lautet nicht, was es heute kostet, sondern was in Jahr drei passiert. Indexklausel, Deckelung, Kündigungsrecht bei Erhöhung — Details in der Vertrags-Checkliste.
Angebote schriftlich und strukturiert einholen. Ein Angebot in Prosa lässt sich nicht vergleichen. Wie man den Prozess so aufsetzt, dass am Ende vergleichbare Zahlen dastehen, steht im RFP-Leitfaden; das Mengengerüst gehört ins Lastenheft.
Methodik
Damit die Auswertung nachprüfbar bleibt, hier die Regeln, nach denen wir gezählt haben.
Grundgesamtheit: die 41 ERP-Systeme, die in den Vergleichen auf erp-software.org gegeneinander antreten. Das ist keine Zufallsstichprobe des Gesamtmarkts, sondern der Ausschnitt, den Interessenten im DACH-Mittelstand tatsächlich gegeneinander stellen.
Erhebungstag: 11. August 2026. Preisseiten ändern sich; ein Befund gilt immer nur für diesen Tag.
Gewertet wurde nur die Hersteller-eigene Domain. Leitet eine Domain weiter (etwa auf eine Nachfolgefirmierung), gilt das Ziel als Herstellerseite.
Vier Kategorien: „Listenpreis" (Preise je Edition oder Nutzer ausgewiesen), „Ab-Preis" (nur ein Einstiegswert ohne Raster), „Preisrechner" (ein Konfigurator liefert ohne Kontaktaufnahme einen Preis), „nur auf Anfrage" (es gibt eine Seite zum Thema Preis, aber keine Zahl) und „keine Angabe" (kein Preisbezug auf der Website).
Doppelte Prüfung: Jeder Befund wurde recherchiert, wörtlich zitiert und anschließend durch einen erneuten Abruf derselben URL gegengeprüft. Wo Seiten ihre Preistabelle per JavaScript nachladen oder automatisierte Abrufe blockieren (das betraf sage.com, sap.com und netsuite.com), haben wir im Browser nachgesehen und den Befund dort verifiziert.
Im Zweifel keine Aussage. Wo sich ein Preis nicht belegen ließ, steht kein Wert — statt einer plausiblen Schätzung. Preise in Fremdwährung wurden nicht umgerechnet.
Die Auswertung wiederholen wir jährlich. Wenn Sie einen Befund für falsch halten — etwa weil Ihre Preisseite inzwischen existiert oder wir sie übersehen haben —, schreiben Sie uns; wir prüfen und korrigieren.
Häufig gestellte Fragen
Warum nennen so viele ERP-Anbieter keinen Preis?
Weil der Preis ohne Kenntnis des Mengengerüsts tatsächlich nicht seriös zu beziffern ist — und weil ein fehlender Preis den Vertrieb ins Gespräch bringt. Beides gilt gleichzeitig. In unserer Auswertung nennen 18 von 19 Cloud- und Commerce-Systemen einen Preis, aber nur 1 von 15 klassischen Mittelstands-ERP. Der Unterschied liegt nicht an der Firmengröße, sondern am Vertriebsmodell: Selbstregistrierung braucht einen Preis, beratungsgetriebener Vertrieb nicht.
Für Sie folgt daraus vor allem eines: In dem Segment, in dem die meisten Mittelständler suchen, ist der Preis Verhandlungssache. Wer ihn vergleichbar machen will, muss allen Anbietern dasselbe Mengengerüst vorgeben.
Ist ein veröffentlichter Listenpreis das, was ich am Ende zahle?
Nein, in aller Regel nicht — in beide Richtungen. Nach oben kommen Implementierung, Schnittstellen, Datenmigration und Schulung hinzu, die bei klassischen ERP-Projekten ein Vielfaches der Lizenz ausmachen können; dazu Transaktionsgebühren und Zusatzmodule, die auf Preisseiten gern im Kleingedruckten stehen. Nach unten sind Rabatte von 10 bis 30 Prozent auf Listenpreise im ERP-Vertrieb üblich.
Ein Listenpreis ist also der Ausgangspunkt einer Verhandlung, nicht deren Ergebnis. Der belastbare Vergleichswert sind die Gesamtkosten über fünf Jahre.
Wie kann ich Angebote vergleichbar machen, wenn keiner einen Preis nennt?
Indem Sie die Rechengrundlage vorgeben statt sie den Anbietern zu überlassen. Konkret: Nutzerzahl nach Rollen getrennt, Anzahl Mandanten und Standorte, Belegvolumen pro Monat, benötigte Schnittstellen und Datenmenge — und die ausdrückliche Bitte, alle Positionen über fünf Jahre auszuweisen.
Ohne dieses Gerüst rechnet jeder Anbieter mit eigenen Annahmen, und die Angebote sind hinterher nicht vergleichbar. Die Struktur dafür liefert der RFP-Prozess, die Kostenpositionen der TCO-Rechner.
Ist ein Anbieter ohne öffentlichen Preis unseriös?
Nein. Bei komplexen Systemen mit Fertigungsanbindung, Altsystem-Schnittstellen und hoher Anpassungstiefe wäre eine einfache Preistabelle eher irreführend als hilfreich, weil sie den größten Kostenblock — die Einführung — ausblendet. Fast der gesamte klassische Mittelstandsmarkt arbeitet so.
Kritisch wird es an einer anderen Stelle: wenn ein Anbieter auch auf eine strukturierte Anfrage mit klarem Mengengerüst keine belastbare Bandbreite nennt oder Folgekosten erst im Vertrag sichtbar werden. Das ist ein Warnsignal, ein fehlender Preis auf der Website nicht.
Wie aktuell sind diese Angaben?
Erhoben am 11. August 2026. Preisseiten ändern sich häufig — Anbieter führen Preise ein, nehmen sie wieder heraus, ändern Editionsnamen oder verlagern Angaben in Konfiguratoren. Jeder Eintrag verlinkt deshalb auf die geprüfte Herstellerseite, damit Sie den Stand selbst nachsehen können.
Wir wiederholen die Erhebung jährlich. Wenn Ihnen ein Befund veraltet oder falsch erscheint, sagen Sie uns Bescheid — wir prüfen nach und korrigieren.
Warum genau diese 41 Systeme?
Es sind die Systeme, die in den Vergleichen auf erp-software.org tatsächlich gegeneinander antreten. Das ist bewusst keine Zufallsstichprobe des Gesamtmarkts, sondern der Ausschnitt, den Interessenten im DACH-Mittelstand in die engere Wahl nehmen — Cloud-ERP, klassisches Mittelstands-ERP und die internationalen Suiten.
Eine Verallgemeinerung auf „den ERP-Markt' wäre damit nicht gedeckt; für die Frage, was Ihnen bei einer konkreten Auswahl begegnet, ist dieser Ausschnitt aber aussagekräftiger als eine breite Zufallsauswahl mit vielen Nischenprodukten.