ERP-Markt Großbritannien: eigene Anbieterwelt, Making Tax Digital und Brexit-Zoll – und was ihn von Deutschland unterscheidet
Großbritannien ist für deutsche Mittelständler der nächstgelegene große Auslandsmarkt mit einer vollständig eigenen Software-Landschaft. Rund 2.500 deutsche Unternehmen unterhalten dort nach Angaben des Verbands German Industry UK eine Tochtergesellschaft, etwa 500 davon mit eigener Fertigung – und die Vertrautheit täuscht: Unterhalb von SAP, Oracle und Microsoft beginnt eine Anbieterwelt aus Sage, The Access Group, IRIS, OneAdvanced, Klipboard und Forterro, die in deutschen Marktübersichten kaum vorkommt. Dazu kommt ein Meldesystem, das Software nicht empfiehlt, sondern vorschreibt: Seit April 2022 muss jede britische Umsatzsteuermeldung aus einer Software heraus über eine Schnittstelle der Steuerbehörde HMRC laufen.
Diese Seite beschreibt, wie der britische ERP-Markt tatsächlich funktioniert – recherchiert mit britischen Quellen (Geschäftsberichte der Anbieter, Statistiken von ONS und Department for Business and Trade, Gesetzestexte auf legislation.gov.uk, HMRC- und Companies-House-Guidance, Arbeitsmarktdaten) und aus deutscher Perspektive eingeordnet. Am Ende stehen die zehn größten Unterschiede zum deutschen ERP-Markt. Die deutschen Vergleichszahlen stammen aus unseren ERP-Statistiken und den ERP-Marktanteilen. Wo Quellen sich widersprechen oder – wie beim Marktvolumen und bei den Marktanteilen – gar keine belastbare Erhebung existiert, benennen wir das offen, statt eine Zahl auszuwählen.
- Land
- Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirland (UK)
- Marktvolumen ERP-Software
- keine konsensfähige Zahl für 2025: 5,27 Mrd. US-Dollar (Market Research Future), 6,16 Mrd. (Next Move Strategy Consulting) oder 2,96 Mrd. (Cargoson); Statista nur kostenpflichtig
- Rang in Europa
- nach Cargoson (2025) mit 2,96 Mrd. US-Dollar vor Deutschland (2,41 Mrd.) und Frankreich (1,34 Mrd.) größter Einzelmarkt Europas – Schätzung ohne offengelegte Methodik
- Cloud-Anteil
- rund zwei Drittel nach Deployment-Segmenten 2024 (Cloud 2,889 Mrd. vs. On-Premise 1,4445 Mrd. US-Dollar, Market Research Future; die Segmentsumme weicht vom ausgewiesenen Marktvolumen von 4,815 Mrd. ab); 69 % der Unternehmen nutzten 2023 Cloud-Computing (ONS); ein Cloud-Anteil speziell bei ERP-Neuprojekten ist nicht belegt
- Prägende Anbieter
- britisch: Sage, The Access Group, IRIS, OneAdvanced, Klipboard, Forterro/Orderwise · international: SAP, Oracle Fusion Cloud und NetSuite, Microsoft Dynamics 365, Unit4, Infor, Epicor · Kleinunternehmen: Xero, QuickBooks, Sage 50
- Steuersystem
- Value Added Tax mit 20 % Standard-, 5 % ermäßigtem und 0 % Nullsatz; Registrierungspflicht ab 90.000 Pfund Umsatz; Körperschaftsteuer 25 % ab 250.000 Pfund Gewinn
- E-Rechnungspflicht
- bislang keine; Regierungsantwort vom 26. November 2025 kündigt eine Pflicht für alle VAT-Rechnungen ab 2029 an (B2B und B2G, ohne Echtzeitmeldung); Pflichtnetz nicht festgelegt
- Rechnungslegung
- FRS 102, neue Fassung wirksam ab 1. Januar 2026; UK-adopted IFRS nur für börsennotierte Konzerne; Aufbewahrung 6 Jahre; kein vorgeschriebener Kontenrahmen
- Datenschutz
- UK GDPR und Data Protection Act 2018, geändert durch den Data (Use and Access) Act 2025 (in Kraft seit 5. Februar 2026); EU-Angemessenheitsbeschluss am 19. Dezember 2025 erneuert
- Quelle
- erp-software.org Redaktion (unabhängig, anbieterneutral), britische Primärquellen siehe Quellenverzeichnis
Was der britische ERP-Markt NICHT ist — Abgrenzung
- Kein statistisch vermessener Markt: keine frei zugängliche UK-Marktanteilserhebung nach Anbietern, keine konsensfähige Marktgröße – die Schätzungen unterscheiden sich um mehr als das Doppelte.
- Kein SAP-Land wie DACH: Der Mittelstand organisiert sich um Sage, Access, IRIS und Klipboard; SAP ist im Großunternehmenssegment stark, aber nicht das Synonym für ERP.
- Kein „Mittelstand“ im deutschen Sinn: Die Segmentierung folgt Schwellen des Companies Act und der HMRC-Definition, nicht der Einheit von Eigentum und Leitung – obwohl 93 % der Privatunternehmen Familienunternehmen sind.
- Kein Fiskalisierungs- oder Echtzeitmeldemarkt: eine Fiskalisierungspflicht für Kassen ist uns nicht bekannt (Negativbefund, nicht belegt – geregelt ist nur das Verbot von Umsatzunterdrückungssoftware im Finance Act 2022), bis mindestens 2029 keine E-Rechnungspflicht – der Druck kommt aus Making Tax Digital, PAYE-Echtzeitmeldung, Companies House und dem Brexit-Zoll.
Marktüberblick: ein großer Markt ohne belastbare Zahl
Wie groß der britische ERP-Markt ist, lässt sich seriös nicht beziffern. Market Research Future setzt ihn für 2025 bei 5,268 Mrd. US-Dollar an, Next Move Strategy Consulting bei 6,16 Mrd., Cargoson bei 2,96 Mrd.; Statista gibt seinen UK-Wert im freien Abruf nicht heraus. Der deutsche Markt wird von Mordor Intelligence für 2026 auf 3,62 Mrd. US-Dollar geschätzt und liegt je nach britischer Quelle darunter oder darüber – eine belastbare Rangfolge beider Märkte existiert nicht.
So weit gehen zwei Marktforscher beim britischen ERP-Volumen 2025 auseinander: Market Research Future nennt 5,268 Mrd. US-Dollar (nach 4,815 Mrd. 2024) und 9,4 Prozent CAGR bis 12,93 Mrd. 2035; Next Move Strategy Consulting startet bei 6,16 Mrd. und rechnet mit 14,98 Prozent CAGR bis 26,43 Mrd.
Quellen: Market Research Future — UK ERP Software Market; Next Move Strategy Consulting — UK ERP Software Market · 2025 (Schätzungen)
Vom europäischen ERP-Markt (12,67 Mrd. US-Dollar, 22,7 Prozent des Weltmarkts) entfallen 2025 nach Cargoson 2,96 Mrd. auf Großbritannien, 2,41 Mrd. auf Deutschland und 1,34 Mrd. auf Frankreich – danach wäre das Vereinigte Königreich Europas größter ERP-Markt. Die Methodik ist nicht offengelegt.
Quelle: Cargoson — How Big is the ERP Market? · 2025 (Aggregation, Schätzung)
Zu Jahresbeginn 2025 zählte das Department for Business and Trade 5.690.265 Unternehmen im Privatsektor. 4.272.535 haben keine Beschäftigten, 1.150.875 sind Kleinstbetriebe mit 1 bis 9, 220.085 haben 10 bis 49, nur 38.435 zählen 50 bis 249 und 8.335 mehr als 250 Beschäftigte.
Quelle: Department for Business and Trade — Business population estimates 2025 · Stand Januar 2025
Sage erzielte im Geschäftsjahr bis 30. September 2025 einen zugrunde liegenden Gesamtumsatz von 2.513 Mio. Pfund (plus 10 Prozent). Auf Großbritannien und Irland entfielen 554 Mio. Pfund, auf Nordamerika 1.138 Mio. – der im FTSE 100 notierte Konzern verdient mehrheitlich außerhalb des Heimatmarkts.
Quelle: The Sage Group plc — Results for the year ended 30 September 2025 · FY2025
Xero meldete für das Geschäftsjahr bis 31. März 2026 rund 1,32 Mio. britische Kunden – plus 14 Prozent – bei 727 Mio. neuseeländischen Dollar UK-Umsatz. Großbritannien ist Xeros am schnellsten wachsender und nach Australien zweitgrößter Markt.
Quelle: Xero — FY26 Annual Results Investor Presentation · Mai 2026
HMRC führt als „mid-sized business“ Unternehmen mit mehr als 10 Mio. Pfund Umsatz und/oder über 20 Beschäftigten und zählt rund 170.000 davon, die 19 Prozent aller Erwerbstätigen stellen. 33 Prozent von ihnen kommunizieren direkt per kommerzieller Software mit der Steuerbehörde, gegenüber 23 Prozent der Kleinunternehmen.
Quelle: HMRC — Supporting mid-sized business · April 2026
Zwei Strukturmerkmale prägen den Markt. Erstens die Kleinteiligkeit: Von 5,69 Millionen Privatunternehmen haben drei Viertel keine Beschäftigten, nur 46.770 erreichen ERP-Projektgröße. Zweitens die Datenlücke: Für Deutschland können wir in den ERP-Marktanteilen wenigstens Schätzungen je Anbieter ausweisen, für Großbritannien existiert keine frei zugängliche Erhebung mit UK-Umsatzanteilen. Global führt Apps Run The World den ERP-Markt 2025 mit Oracle an der Spitze (6,7 Prozent) vor SAP (6,6), Intuit (4,5) und Microsoft (2,2), mit Sage auf Rang acht (1,7 Prozent); die engere Abgrenzung von ERP Research dreht das um und sieht SAP bei 23 und Oracle bei 10,5 Prozent – beide Reihen sind global, nicht britisch.
Anbieterlandschaft: eine eigene zweite Reihe
Wer den Markt aus Deutschland betrachtet, übersieht leicht die Etage, in der die Musik spielt. Die folgende Darstellung beruht auf Geschäftsberichten und Unternehmensangaben – ohne Bewertung, ohne Rangfolge.
Die Etagen des Markts
Das Erdgeschoss gehört der Cloud-Buchhaltung: Xero mit rund 1,32 Millionen britischen Kunden im März 2026, dazu QuickBooks, Sage Accounting und FreeAgent aus Edinburgh, das 2018 für 53 Mio. Pfund an die NatWest-Gruppe ging; belegte britische Kundenzahlen von Sage 50 oder QuickBooks liegen nicht vor. Diese Etage ist der Zulieferer des ERP-Markts, denn Making Tax Digital hat Millionen Kleinunternehmen zwingend in eine Software gebracht. Im Mittelbau stehen die britischen Häuser – Access, IRIS, OneAdvanced, Klipboard, Forterro mit Orderwise – neben Business Central, NetSuite, Sage Intacct und Sage 200, Epicor, Infor und Unit4; ganz oben dominieren SAP, Oracle Fusion Cloud, Workday, Infor und zunehmend Unit4. Eine offizielle britische Segmentierung nach Umsatzklassen wie in den USA gibt es nicht.
Sage und die britischen Anbieter, die in Deutschland kaum jemand kennt
Sage, 1981 in Newcastle upon Tyne gegründet, ist als Softwarehaus mit ERP-Kern im FTSE 100 notiert. Im Geschäftsjahr bis 30. September 2025 lag der zugrunde liegende Umsatz bei 2.513 Mio. Pfund (plus 10 Prozent) und das operative Ergebnis bei 600 Mio. Pfund; 83 Prozent des Umsatzes stammen aus Abonnements, der Cloud-native Umsatz wuchs um 23 Prozent auf 885 Mio. Pfund. Auf Großbritannien und Irland entfielen 554 Mio. Pfund, auf Nordamerika 1.138 Mio. Das Portfolio reicht von Sage Accounting und Sage 50 über Sage 200 bis zu Sage Intacct – 2017 für 850 Mio. Pfund zugekauft – und Sage X3; im Januar 2022 kam für 225 Mio. Pfund der Bristoler Handelsspezialist Brightpearl hinzu. Kundenzahlen nach Ländern nennt Sage nicht, weltweit 6,1 Millionen.
Daneben stehen vier Häuser, die in Deutschland fast unbekannt sind. The Access Group aus Loughborough nennt für das Geschäftsjahr bis 30. Juni 2025 über 160.000 kleine und mittlere Organisationen als Kunden und 2.768.375 Nutzer auf seiner Plattform Access Evo, bei 15 Prozent Umsatzwachstum im Vierjahresschnitt und über 100 Übernahmen in zehn Jahren. IRIS Software Group aus Slough nannte beim Einstieg von Leonard Green & Partners im Dezember 2023 über 100.000 Kunden bei rund 3,15 Mrd. Pfund Unternehmenswert und die Kennzahl, dass „einer von sechs“ britischen Beschäftigten über IRIS-Systeme bezahlt werde – die eigene Website nennt heute „1 in 8“ bei 800.000 Organisationen, eine Abweichung, die das Unternehmen nicht auflöst. OneAdvanced aus Birmingham meldete für 2024 einen Konzernumsatz von 346 Mio. Pfund nach 322 Mio. im Vorjahr und refinanzierte sich im Juli 2025 mit 1,2 Mrd. Pfund Private Credit; im März 2025 verhängte die Datenschutzbehörde ein Bußgeld über 3,08 Mio. Pfund wegen eines Ransomware-Angriffs, der 2022 auch den Notrufdienst NHS 111 traf. Klipboard, bis März 2025 Kerridge Commercial Systems, bedient Distribution, Baustoffhandel, Vermietung und Field Service und spricht heute von 52.000 bis 55.000 Kunden nach über 32.000 im Jahr 2023 – der Sprung erklärt sich über 25 Zukäufe in zwölf Jahren. Hinzu kommt Forterro aus London mit über 25.000 Organisationen, darunter seit 2022 Orderwise aus Lincoln und, für deutsche Leser bemerkenswert, seit 2019 der Karlsruher Anbieter abas.
Private Equity als Strukturmerkmal
Der wichtigste Unterschied zur deutschen Anbieterlandschaft ist keine Technologie, sondern die Eigentümerfrage. Access wird von Hg, TA Associates und dem Staatsfonds GIC gehalten, die 2022 bei einem Unternehmenswert von 9,2 Mrd. Pfund einstiegen; IRIS gehört Leonard Green & Partners, Hg und ICG; OneAdvanced je zur Hälfte Vista Equity Partners und BC Partners; Klipboard seit 2023 CapVest; Forterro seit März 2022 der Partners Group bei rund einer Milliarde Euro; Unit4 seit 2021 TA Associates; Epicor seit 2020 Clayton, Dubilier & Rice für 4,7 Mrd. US-Dollar. Die Folge ist ein permanenter Übernahmebetrieb – und für Anwender die Frage, wem ihr Anbieter in fünf Jahren gehört. Im deutschen Markt mit genossenschaftlichen und inhabergeführten Häusern stellt sie sich seltener.
Die internationalen Anbieter – und die Branchen
Für Business Central erfasste die Technologiedatenbank TheirStack 2026 rund 1.229 britische Anwenderunternehmen und damit den zweitgrößten Ländermarkt nach den USA (2.875), vor Spanien (1.135) und Deutschland (1.063) – eine Stichprobe, keine Vollzählung; die Partnerzahl schwankt je nach Maßstab zwischen 410 und 90. Oracle hat 2025 den sichtbarsten britischen Rollout abgeschlossen: NHS Shared Business Services ging am 1. Oktober 2025 mit 48 NHS-Organisationen auf Oracle Fusion Cloud live; die Plattform verarbeitet nach Angaben des Joint Ventures bis zu 355 Mrd. Pfund NHS-Transaktionen und 7,1 Millionen Rechnungen im Jahr. SAP ist über die 1988 gegründete UK & Ireland SAP User Group mit über 4.000 Fachleuten präsent; belastbare UK-Umsatz- oder Kundenzahlen von SAP und NetSuite sind öffentlich nicht verfügbar. Bei den Branchen fällt der öffentliche Sektor als eigenes ERP-Ökosystem auf: Unit4 gewann mit ERPx die Local Government Association, East Riding of Yorkshire Council, Devon County Council und die University of Liverpool. In der Fertigung setzt das staatliche Programm Made Smarter den Rahmen – sein nordwestenglischer Pilot band seit 2019 rund 2.500 Hersteller ein und förderte 334 Technologieprojekte mit 6,4 Mio. Pfund, wovon 55 Prozent Datenerfassung und Softwaresysteme betrafen.
Mittelstand auf Britisch: SME, mid-sized business, Familienunternehmen
Der Begriff „Mittelstand“ lässt sich ins Britische nicht übersetzen, und das ist mehr als eine sprachliche Fußnote. Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn definiert Mittelstand über die Einheit von Eigentum und Leitung; quantitativ zählen in Deutschland 3,443 Millionen Unternehmen oder 99,2 Prozent als KMU. Großbritannien kennt stattdessen drei Definitionen nebeneinander. Amtlich zählt das Department for Business and Trade zu Jahresbeginn 2025 5.681.930 Unternehmen mit 0 bis 249 Beschäftigten, also 99,85 Prozent aller Privatunternehmen; sie stellen 16,9 Millionen Beschäftigte (60 Prozent) und 51 Prozent des Umsatzes. Gesellschaftsrechtlich unterscheidet der Companies Act für Geschäftsjahre ab dem 6. April 2025 Micro-Entities (bis 1 Mio. Pfund Umsatz), Small (bis 15 Mio.), Medium (bis 54 Mio.) und Large darüber – die Medium-Schwelle wurde von zuvor 36 Mio. Pfund angehoben, wer mit älteren Unterlagen arbeitet, rechnet falsch. Steuerlich führt HMRC „mid-sized businesses“ als Unternehmen mit mehr als 10 Mio. Pfund Umsatz und/oder über 20 Beschäftigten und zählt rund 170.000 davon.
Was fehlt, ist nicht die Sache, sondern der Begriff: Familienunternehmen sind auch dort das Rückgrat. Family Business UK beziffert sie unter Berufung auf die IFB Research Foundation (Januar 2026) auf 5,1 Millionen oder 93 Prozent aller Privatunternehmen mit 15,8 Millionen Beschäftigten und 985 Mrd. Pfund Bruttowertschöpfung – nur wird daraus keine eigene Kategorie und keine eigene ERP-Zielgruppenansprache abgeleitet. Dafür existiert eine Kategorie, die es in Deutschland nicht gibt: Das ScaleUp Institute zählte 2025 44.595 Scale-ups, die ERP unter anderem Zeitdruck einführen als ein gewachsener Maschinenbauer.
Für ERP-Projekte folgt daraus zweierlei. Erstens ist die Digitalisierungsbasis dünner, als die Cloud-Zahlen nahelegen: Der DSIT-Bericht zur Technologieadoption vom Juni 2025 hält fest, dass über die Hälfte der Unternehmen finanzielle Restriktionen als Barriere nennt, rund 40 Prozent fehlende Managementkompetenzen, nur 8 Prozent der Fertiger KI oder maschinelles Lernen eingeführt haben und 74 Prozent der Fertigungs-KMU ohne Roboter arbeiten; die britische Produktivität liegt demselben Bericht zufolge 14 Prozent unter der französischen und 22 Prozent unter der deutschen. Staatliche Förderung hat daran wenig geändert: Help to Grow: Digital wurde im Februar 2023 nach 13 Monaten eingestellt – von 296 Mio. Pfund Budget flossen 823.505 Pfund ab –, und Made Smarter Adoption erreichte bis März 2025 nur rund 4 Prozent der Fertigungs-KMU, ohne statistisch signifikante Effekte auf Umsatz, Beschäftigung und Produktivität. Zweitens dürfte die Softwareentscheidung oft über den externen Buchhalter laufen: Belegt ist, dass nach der HMRC-Kundenbefragung 2025 86 Prozent der mid-sized und 73 Prozent der kleinen Unternehmen mit Steuerberatern oder Agents zusammenarbeiten; dass damit auch die Softwareentscheidung häufig über die Kanzlei läuft, ist unsere Folgerung daraus – wer eine britische Tochter aufbaut, bezieht deshalb besser früh die Kanzlei ein, die die Bücher führt.
Regulatorik und Compliance: was ein ERP in Großbritannien anders können muss
VAT und Making Tax Digital: Software ist Pflicht, nicht Kür
Die Value Added Tax des Vereinigten Königreichs hat einen Standardsatz von 20 Prozent, einen ermäßigten von 5 Prozent und einen echten Nullsatz für die meisten Lebensmittel und Kinderkleidung, der anders als eine Steuerbefreiung den Vorsteuerabzug erhält; die Registrierungspflicht greift ab 90.000 Pfund steuerbarem Umsatz, angehoben von 85.000 Pfund im Spring Budget 2024. Der eigentliche ERP-Faktor ist Making Tax Digital: Seit dem 1. April 2019 für größere Unternehmen und seit dem 1. April 2022 für alle umsatzsteuerlich registrierten Betriebe müssen Aufzeichnungen digital geführt und Meldungen über die HMRC-Programmierschnittstelle abgegeben werden. VAT Notice 700/22 verlangt von „functional compatible software“, dass sie die Aufzeichnungen hält, die Meldung daraus erzeugt und digital mit HMRC kommuniziert. Entscheidend ist der „digital link“: Zulässig sind verknüpfte Tabellenzellen, XML- und CSV-Import und API-Übertragungen – ausdrücklich nicht zulässig ist das Kopieren und Einfügen von Werten. Die zweite Welle läuft an: Making Tax Digital for Income Tax gilt ab dem 6. April 2026 für Selbstständige und Vermieter mit über 50.000 Pfund qualifizierendem Einkommen, ab 2027 über 30.000 und ab 2028 über 20.000 Pfund.
E-Rechnung: beschlossen für 2029, Details offen
Anders als Deutschland, wo seit dem 1. Januar 2025 die Empfangspflicht für E-Rechnungen gilt und ab 2027 beziehungsweise 2028 die Sendepflicht greift, kennt Großbritannien bislang keine E-Rechnungspflicht im B2B. Nach einer Konsultation von HMRC und dem Department for Business and Trade mit 342 Antworten kündigte die Regierungsantwort vom 26. November 2025 eine Pflicht für alle VAT-Rechnungen ab 2029 an; nach Einordnung des Wirtschaftsprüferverbands ICAS beginnt sie im April 2029 für B2B und B2G, zunächst ohne Echtzeitmeldung an HMRC und ohne vorgeschriebenen Standard. Ob Peppol zum Pflichtnetz wird, stellen Beratungshäuser widersprüchlich dar – eine Quelle berichtet von einer Bestätigung im Juni 2026, eine andere hielt im April 2026 das Gegenteil fest; auf gov.uk ist eine Festlegung nicht auffindbar, wir führen sie als nicht belegt. Im Gesundheitswesen spielt Peppol längst eine Rolle: Die NHS-E-Procurement-Strategie verlangt seit 2014 GS1-Codierung und Peppol-Standards, englische NHS-Trusts sind seit 2018 empfangsfähig. Das XRechnung- und ZUGFeRD-Modul hilft in Großbritannien bis 2029 also nicht, Peppol-Fähigkeit dagegen schon, wenn der NHS zu den Kunden gehört.
Rechnungslegung, Companies House und ein Kontenrahmen, den es nicht gibt
Britische Unternehmen bilanzieren nach FRS 102, sofern sie nicht börsennotiert sind – nach Angaben des Financial Reporting Council nutzen die britisch-irischen Standards schätzungsweise 3,4 Millionen Unternehmen. Die am 27. März 2024 veröffentlichte Überarbeitung ist für Geschäftsjahre ab dem 1. Januar 2026 wirksam und bringt zwei systemrelevante Änderungen: Section 23 stellt die Umsatzrealisierung auf ein Fünf-Schritte-Modell nach dem Vorbild von IFRS 15 um, Section 20 verlangt vom Leasingnehmer die Bilanzierung eines Nutzungsrechts samt Verbindlichkeit. UK-adopted IFRS sind nach Companies Act 2006 Section 403 nur für börsennotierte Konzerne zwingend; eine Gegenüberstellung bietet unser Glossar zu IFRS und HGB. Was deutschen Anwendern auffällt, fehlt: Es gibt keinen vorgeschriebenen Kontenrahmen – der Companies Act regelt nur Bilanz- und GuV-Formate, ein Pendant zu SKR 03 oder SKR 04 gibt es nicht, ein Gegenstück zur GoBD ebenso wenig; die Aufbewahrungsfrist beträgt sechs statt acht bis zehn Jahren.
Beim Register Companies House ist der Jahresabschluss neun Monate nach Geschäftsjahresende einzureichen; Verspätungen kosten 150 bis 1.500 Pfund. Seit dem 18. November 2025 müssen Directors und wirtschaftlich Berechtigte ihre Identität verifizieren, und ab dem 1. April 2028 sind alle Abschlüsse ausschließlich über kommerzielle Software im Format iXBRL einzureichen – Web- und Papierweg entfallen, verkürzte „abridged accounts“ ebenso. Ältere Quellen nennen dafür den 1. April 2027; die Verschiebung wurde im Juni 2026 bestätigt. Die britische Tochter braucht also spätestens 2028 eine iXBRL-fähige Abschlusskette.
Payroll: Echtzeitmeldung an jedem Zahltag
Über PAYE Real Time Information muss der Arbeitgeber eine Full Payment Submission „an oder vor dem Zahltag“ übermitteln – für jeden Beschäftigten, auch bei quartalsweiser Zahlung; Verspätungen kosten monatlich zwischen 100 Pfund bei 1 bis 9 und 400 Pfund ab 250 Beschäftigten. HMRC formuliert die Softwarepflicht unmissverständlich: Man braucht Payroll-Software, um zu melden. Arbeitgeber zahlen 2025/26 und unverändert 2026/27 15 Prozent National Insurance oberhalb von 417 Pfund im Monat, rechnerisch 5.000 Pfund im Jahr; zuvor waren es 13,8 Prozent oberhalb von 9.100 Pfund, im Gegenzug stieg die Employment Allowance auf 10.500 Pfund. Dazu kommen der National Living Wage von 12,71 Pfund ab dem 1. April 2026 und das Auto-Enrolment mit 8 Prozent Mindestbeitrag im Band von 6.240 bis 50.270 Pfund. Das Steuerjahr endet am 5. April, P60 sind bis 31. Mai und P11D bis 6. Juli fällig – und ab dem 6. April 2027 wird die Verlohnung von Sachbezügen für Firmenwagen, Kraftstoff, Transporter und medizinische Leistungen verpflichtend.
Datenschutz: eigenes Regime, weiterhin angemessen
Der Data (Use and Access) Act 2025 erhielt am 19. Juni 2025 die königliche Zustimmung; die datenschutzrechtlichen Kernvorschriften traten am 5. Februar 2026 in Kraft. Sie bringen eine neue Rechtsgrundlage der „recognised legitimate interests“, eine Begrenzung von Auskunftsersuchen auf „reasonable and proportionate“ Umfang und einen risikobasierten Test für Drittlandtransfers; der PECR-Bußgeldrahmen stieg von 500.000 auf 17,5 Mio. Pfund oder 4 Prozent des Weltumsatzes. Der Datenfluss aus der EU bleibt frei, weil die EU-Kommission die Angemessenheitsbeschlüsse von 2021 am 19. Dezember 2025 erneuert hat; eine britische Datenlokalisierungspflicht für ERP- oder Cloud-Daten ist nicht belegt, was wir als Negativbefund kennzeichnen. Dass die Aufsicht Zähne hat, zeigt das Bußgeld von 14 Mio. Pfund, das die ICO am 15. Oktober 2025 gegen Capita verhängte.
Zoll und Handel: der Brexit sitzt im ERP
Jede Warenbewegung zwischen Großbritannien und der EU ist eine Ein- oder Ausfuhr, jede braucht eine EORI-Nummer, und seit dem 30. März 2024 laufen alle Anmeldungen über den Customs Declaration Service, der das Altsystem CHIEF abgelöst hat; nach Nordirland kommt eine XI-EORI hinzu. Die Zollpräferenz aus dem Handels- und Kooperationsabkommen ist nicht automatisch: Sie setzt eine Ursprungserklärung des Exporteurs oder die „importer's knowledge“ voraus, EU-Exporteure benötigen ab 6.000 Euro Sendungswert eine REX-Nummer, und der Importeur muss den Nachweis vier Jahre aufbewahren – fehlt er, wird der volle Regelzollsatz fällig. Ursprungskalkulation und Lieferantenerklärungen sind damit Stammdatenthemen. Erleichterungen bieten das Postponed VAT Accounting für die Einfuhrumsatzsteuer und das UK Internal Market Scheme für „not at risk“-Waren nach Nordirland. Neu hinzu kommt der britische CBAM: Ab dem 1. Januar 2027 werden Aluminium, Zement, Düngemittel, Wasserstoff sowie Eisen und Stahl erfasst, Registrierung bei HMRC ab 50.000 Pfund Warenwert.
Öffentliche Aufträge, Zahlungsverhalten und Sonderabgaben
Seit dem 24. Februar 2025 verpflichtet der Procurement Act 2023 öffentliche Auftraggeber, Rechnungen binnen 30 Tagen zu bezahlen (Section 68), und überträgt die Frist auf jeden öffentlichen Unterauftrag (Section 73). Das führt zum britischen Dauerthema Zahlungsmoral, das anders als in Deutschland eine Berichtspflicht ist: Große Unternehmen und LLPs – seit April 2025 zwei von drei Kriterien aus 54 Mio. Pfund Umsatz, 27 Mio. Pfund Bilanzsumme und 250 Beschäftigten – müssen ihr Zahlungsverhalten halbjährlich veröffentlichen, seit Januar 2025 zusätzlich den Wert verspätet gezahlter und den Anteil strittiger Rechnungen; die Nichtveröffentlichung ist eine Straftat für Gesellschaft und jeden Director. Die Regierung beziffert die Kosten verspäteter Zahlungen auf elf Milliarden Pfund im Jahr; ein Gesetzentwurf mit 60-Tage-Deckel und Verzugszins von acht Punkten über dem Leitzins ging am 19. Mai 2026 ins Oberhaus. Dazu kommen Pflichten ohne deutsches Gegenstück: der Modern Slavery Act ab 36 Mio. Pfund Jahresumsatz, die Plastic Packaging Tax mit 228,82 Pfund je Tonne ab April 2026 für Verpackungen unter 30 Prozent Recyclatanteil und im Bau das Construction Industry Scheme. Eine Fiskalisierungspflicht für Kassen haben wir dagegen nicht gefunden – ein Negativbefund, den wir wie bei der Datenlokalisierung als nicht belegt kennzeichnen; geregelt ist nur das Verbot von Umsatzunterdrückungssoftware im Finance Act 2022.
Implementierung, Partner und Preise
Partnermodell und Entscheidungswege
Sage arbeitet mit „tausenden Partnern“ in vier Rollen – Technologie-, Reseller-, Service-Delivery- und Allianzpartner wie PwC, AWS und Microsoft – und verkauft Sage 200 Professional ausschließlich über einen Rückrufwunsch. Microsoft vertreibt Business Central über Partner, deren britische Zahl je nach Maßstab zwischen 410 und 90 schwankt; Unit4 hat sein Public-Sector-Geschäft im März 2026 exklusiv für fünf Jahre an Embridge Consulting vergeben. The Access Group vertreibt Access Financials dagegen direkt, mit öffentlich ausgewiesenem Richtpreis – im britischen Mid-Market die Ausnahme. Unabhängige Auswahlberatung ist schwächer institutionalisiert als in den USA: Lumenia mit Londoner Büro verkauft keine Software, publiziert aber keine Projektkennzahlen.
Projekte: keine britischen Benchmarks, nur Näherungen
Belastbare britische Projektkennzahlen fehlen; eine frei zugängliche UK-Erhebung zu Projektdauern, Budgetüberschreitungen oder Fit-to-Standard-Quoten haben wir nicht gefunden und führen das als Lücke. Die nächstliegende Quelle, der ERP Report von Software Path, wertet 1.384 reale Auswahlprojekte aus und nennt ein durchschnittliches Budget von 9.000 US-Dollar je Anwender, eine Auswahlphase von 17 Wochen und über 55 Prozent reine Cloud-Projekte gegenüber 3 Prozent reinen On-Premise-Vorhaben – die Erhebung stammt allerdings aus dem Januar 2022, rechnet in US-Dollar und ist international gemischt. Für Deutschland liegen belastbarere Werte vor: Trovarit nennt rund 4.400 Euro je ERP-Arbeitsplatz und etwa zwölf Monate Projektdauer im Mittelstand (siehe unsere ERP-Statistiken). Wer für eine britische Tochter plant, kalkuliert deshalb besser mit deutschen Erfahrungswerten und schlägt Personalkosten und Compliance-Aufwand separat auf.
Preisniveau: transparent im Erdgeschoss, undurchsichtig darüber
Die Preistransparenz nimmt mit der Systemgröße ab. Klar ausgewiesen sind die Cloud-Produkte: Dynamics 365 Business Central kostet in Großbritannien 61,50 Pfund je Nutzer und Monat als Essentials, 84,60 Pfund als Premium und 6,20 Pfund für Team Members, jährlich abgerechnet und ohne Mehrwertsteuer. Xero staffelt von 18 Pfund über 39 und 55 bis 70 Pfund im Monat zuzüglich Mehrwertsteuer, wobei Mehrwährungsfähigkeit erst ab der 55-Pfund-Stufe enthalten ist – für eine deutsche Tochter mit Euro-Verrechnung ein entscheidendes Detail. QuickBooks Online reicht von 10 bis 123 Pfund für 25 Nutzer, wobei sich die Preisseite selbst widerspricht: Die Vergleichstabelle weist Nettopreise aus, die Plan-Kacheln Bruttopreise. Sage 50 Accounts startet bei 115 Pfund monatlich zuzüglich Mehrwertsteuer, Professional bei 234 Pfund. Darüber wird es intransparent: Sage Intacct, Sage 200 und NetSuite veröffentlichen keine Listenpreise, und belegbare Pfund-Spannen für NetSuite liegen – anders als für den US-Markt – nicht vor. Die einzige öffentlich beworbene Mid-Market-Zahl stammt von Access: Access Financials ab 10.508 Pfund im Jahr für ein Unternehmen mit 40 Beschäftigten. Eine Umrechnung in Euro nehmen wir bewusst nicht vor, weil in den Quellen kein Referenzkurs zum Stichtag dokumentiert ist; eine Orientierung zur Gesamtkostenbetrachtung bietet unser Glossareintrag zu den Total Cost of Ownership.
Fachkräfte: Tagessätze, Gehälter und zwei Brexit-Nebenwirkungen
Der britische ERP-Arbeitsmarkt ist gut vermessen, weil ITJobsWatch Stellenanzeigen systematisch auswertet. In den sechs Monaten bis zum 2. September 2026 lag der Median-Tagessatz für ERP-Freiberufler bei 550 Pfund (unteres Dezil 370, oberes 738) über 1.953 Ausschreibungen; SAP-Berater erreichten ebenfalls 550 Pfund, Dynamics-365-Spezialisten 500 Pfund. Bei den Festanstellungen liegt der Median für die Fähigkeit „ERP“ bei 60.000 Pfund über 2.865 Stellen, in London bei 82.500 Pfund; SAP-Berater erzielen 80.000, Dynamics-365-Berater 70.000, NetSuite-Fachleute 65.000 und Sage-Spezialisten 40.000 Pfund. Die Mediane liegen damit deutlich unter den Spitzenwerten: Das obere Dezil endet je nach Profil bei 675 bis 750 Pfund, höhere Sätze bis etwa 1.200 Pfund erreichen nur einzelne Ausschreibungen. Nach dem Employer Skills Survey 2024 waren 27 Prozent aller Vakanzen engpassbedingt, nach 36 Prozent 2022.
Zwei Regelwerke verändern die Beschaffung von Projektpersonal spürbar. Erstens IR35: Seit dem 6. April 2021 müssen mittlere und große Auftraggeber den Beschäftigungsstatus von Freiberuflern feststellen und bei „deemed employment“ Steuern und Beiträge abführen; weil die Kleinunternehmensausnahme für Geschäftsjahre ab dem 6. April 2025 auf 15 Mio. Pfund Umsatz und 50 Beschäftigte angehoben wurde, fallen künftig mehr Auftraggeber darunter – frühestes betroffenes Steuerjahr ist nach HMRC-Handbuch 2027/28. Zweitens die Einwanderungsregeln: EU-Staatsangehörige, die nach dem 31. Dezember 2020 eingereist sind, benötigen eine Sponsorschaft. Das Skilled Worker Visa verlangt seit dem 22. Juli 2025 ein Mindestgehalt von 41.700 Pfund oder den branchenüblichen Satz, dazu kommen Visagebühren von 819 beziehungsweise 1.618 Pfund, 1.035 Pfund Gesundheitszuschlag im Jahr und für Arbeitgeber eine Immigration Skills Charge von 1.320 Pfund jährlich. Berater lassen sich also nicht mehr ohne Weiteres für ein britisches Rollout einfliegen; Daten zum Offshoring britischer ERP-Projekte liegen nicht vor.
Trends 2025/2026: Steuerdigitalisierung, KI in der Buchhaltung, Regulierungstakt
Making Tax Digital bleibt der stärkste Softwaretreiber. Nach der Umsatzsteuer erfasst die Pflicht ab dem 6. April 2026 auch die Einkommensteuer von Selbstständigen und Vermietern mit über 50.000 Pfund qualifizierendem Einkommen; über 850.000 Steuerpflichtige müssen sich bis dahin registrieren. Xero berichtet in seiner Jahrespräsentation von „MTD tailwinds“; ERP Research führt das Wachstum von Business Central im britischen Mittelstand ebenfalls auf Making Tax Digital und die Migration von Altsystemen wie Dynamics NAV zurück. Anders als in Deutschland, wo die E-Rechnungspflicht der wichtigste Modernisierungsauslöser ist, kommt der Druck also von der Meldeseite.
Künstliche Intelligenz kommt über die Buchhaltung, nicht über das ERP. Sage führte den Sage Copilot im Februar 2024 ein und bietet ihn heute in Sage Accounting, Sage 50, Sage Intacct und Sage X3 an – teils in ausgewählten Tarifen enthalten, teils als Zusatzmodul ohne ausgewiesenen Preis. Xero stellt seinen Assistenten „Just Ask Xero“ in allen vier britischen Tarifen ohne Aufpreis bereit, und Microsoft rechnet den Copilot in Business Central ohne Zusatzkosten in die Lizenz ein. Diese Bündelung unterscheidet den britischen Markt vom amerikanischen, wo KI-Agenten zunehmend verbrauchsbasiert abgerechnet werden – Details dazu auf unserer Länderseite zu den USA und im Überblick zu künstlicher Intelligenz im ERP. Die Basis wächst schnell: Nach der ONS-Erhebung vom Juli 2026 stieg der Anteil der Unternehmen ab zehn Beschäftigten mit KI-Einsatz von rund 12 Prozent Ende 2023 auf etwa 35 Prozent, bei großen Betrieben auf 49 Prozent; nur 10 Prozent sprechen von umfassendem Einsatz, und 2024 hatten laut British Chambers of Commerce 43 Prozent der KMU keine KI-Pläne.
Der Regulierungstakt bis 2029 ist eng – und er zwingt zu Systemarbeit. Auf FRS 102 in neuer Fassung für Geschäftsjahre ab dem 1. Januar 2026 folgen die Datenschutz-Kernvorschriften am 5. Februar 2026, Making Tax Digital für die Einkommensteuer im April 2026, der britische CBAM am 1. Januar 2027, die verpflichtende Verlohnung erster Sachbezüge im April 2027, die iXBRL-Einreichung bei Companies House am 1. April 2028 und schließlich die E-Rechnungspflicht 2029. In Summe ergibt das für eine britische Tochter mit Altsystem einen Investitionsbedarf, den man besser in einem Zug plant.
Kostendruck und Konsolidierung prägen das Umfeld. Der Arbeitgeberbeitrag zur National Insurance stieg 2025/26 von 13,8 auf 15 Prozent, während die Freigrenze von 9.100 auf 5.000 Pfund im Jahr fiel – eine Belastung, die personalintensive Betriebe trifft und Automatisierungsprojekte attraktiver macht; nach der ONS-Konjunkturbefragung vom August 2026 meldeten 27 Prozent der Unternehmen im Juli gestiegene Einkaufspreise. Auf der Anbieterseite läuft die Konsolidierung weiter, und Legacy-Systeme werden stillschweigend eingesammelt: Der Solihuller Anbieter Pegasus mit dem im britischen Mittelstand verbreiteten Opera 3 firmiert heute schlicht als „an Infor business“. Zur Kaufkultur lässt sich weniger Belastbares sagen als im US-Markt – zur Rolle von Bewertungsportalen oder zur Ausschreibungspraxis fanden wir keine tragfähigen Erhebungen. Belegt ist nur, dass 86 Prozent der mid-sized und 73 Prozent der kleinen Unternehmen mit Steuerberatern oder Agents arbeiten (HMRC-Kundenbefragung 2025); dass die Softwareentscheidung damit oft über die Kanzlei läuft, ist unsere Folgerung daraus.
Die 10 größten Unterschiede zwischen dem britischen und dem deutschen ERP-Markt
- Die Datenlage ist schlechter, nicht besser. Für Deutschland lassen sich Marktgröße (3,62 Mrd. US-Dollar 2026, Mordor Intelligence) und Anbieteranteile wenigstens schätzen; für Großbritannien gehen drei Schätzungen für 2025 zwischen 2,96 Mrd. US-Dollar (Cargoson) und 6,16 Mrd. (Next Move) auseinander, und eine frei zugängliche UK-Marktanteilsstatistik gibt es gar nicht.
- Eine eigene zweite Reihe statt SAP-Dominanz. In Deutschland strukturiert sich der Mittelstandsmarkt um SAP mit rund 38 Prozent Anteil, Microsoft Dynamics, Sage, DATEV und proALPHA; in Großbritannien um Sage (2.513 Mio. Pfund Umsatz FY2025, davon 554 Mio. in UK und Irland), The Access Group (über 160.000 Kunden), IRIS, OneAdvanced, Klipboard und Forterro – von denen nur Sage (rund 6 Prozent DACH-Anteil, Schätzung) und Forterro (über abas) in Deutschland präsent sind; Access, IRIS, OneAdvanced und Klipboard haben dort keinen nennenswerten Vertrieb.
- Der Markt gehört Finanzinvestoren. Access wird von Hg, TA Associates und GIC gehalten (9,2 Mrd. Pfund Unternehmenswert 2022), IRIS von Leonard Green & Partners, Hg und ICG (rund 3,15 Mrd. Pfund), OneAdvanced von Vista Equity Partners und BC Partners, Klipboard von CapVest, Forterro von der Partners Group. Die deutsche Anbieterlandschaft kennt diese Dichte nicht – Roadmaps hängen dort häufiger von Eigentümerwechseln ab.
- Der Softwarezwang kam über die Steuermeldung, nicht über die Rechnung. Seit dem 1. April 2022 müssen alle umsatzsteuerlich registrierten britischen Unternehmen ihre Aufzeichnungen digital führen und die VAT-Meldung über die HMRC-Schnittstelle abgeben, wobei Kopieren und Einfügen ausdrücklich keine zulässige digitale Verknüpfung ist; ab April 2026 folgt die Einkommensteuer. In Deutschland ist die Umsatzsteuer-Voranmeldung zwar ebenfalls elektronisch (ELSTER), eine Vorschrift, dass die Meldung direkt aus einer Buchhaltungssoftware mit lückenlosen digitalen Verknüpfungen erzeugt werden muss, gibt es dort aber nicht.
- Die E-Rechnung kommt vier Jahre später. Deutschland kennt die Empfangspflicht seit dem 1. Januar 2025 und die Sendepflicht ab 2027 beziehungsweise 2028; Großbritannien hat am 26. November 2025 eine Pflicht für alle VAT-Rechnungen ab 2029 angekündigt, ohne Echtzeitmeldung und ohne verbindlichen Standard. XRechnung- und ZUGFeRD-Kompetenz nützt dort vorerst nichts, Peppol-Fähigkeit dagegen schon.
- Rechnungslegung und Registerpflichten funktionieren anders. Statt HGB und GoBD gilt FRS 102 in der ab 1. Januar 2026 wirksamen Fassung; einen vorgeschriebenen Kontenrahmen wie SKR 03 oder SKR 04 gibt es nicht, die Aufbewahrungsfrist liegt bei sechs statt acht bis zehn Jahren. Dafür kommen Pflichten hinzu, die Deutschland nicht kennt: Identitätsprüfung aller Directors seit dem 18. November 2025 und ab dem 1. April 2028 Abschlusseinreichung nur noch per Software im iXBRL-Format.
- Die Lohnabrechnung meldet in Echtzeit. Deutsche Unternehmen melden monatlich an Sozialversicherung und Finanzamt; britische Arbeitgeber müssen über PAYE Real Time Information an oder vor jedem Zahltag eine Full Payment Submission absetzen, mit Monatsstrafen von 100 bis 400 Pfund. Dazu kommen 15 Prozent Arbeitgeberbeitrag ab einer Freigrenze von nur 5.000 Pfund im Jahr.
- „Mittelstand“ gibt es als Sache, nicht als Kategorie. Der deutsche Begriff folgt der Einheit von Eigentum und Leitung und umfasst 3,443 Mio. KMU oder 99,2 Prozent aller Unternehmen; Großbritannien zählt 5.681.930 KMU (99,85 Prozent), segmentiert aber über Companies-Act-Schwellen und die HMRC-Kategorie „mid-sized business“ mit rund 170.000 Unternehmen. Familienunternehmen stellen 93 Prozent des Privatsektors, gelten aber nicht als eigene Zielgruppe.
- Zoll und Zahlungsverhalten sind ERP-Alltagsthemen. Im EU-Binnenmarkt sind Zollanmeldungen die Ausnahme; in Großbritannien braucht jede Warenbewegung mit der EU eine EORI-Nummer und eine Anmeldung über den Customs Declaration Service, Präferenzzölle erfordern Ursprungserklärungen mit vierjähriger Aufbewahrung, ab 2027 kommt der CBAM hinzu. Parallel müssen große britische Unternehmen ihr Zahlungsverhalten halbjährlich veröffentlichen – Nichtveröffentlichung ist eine Straftat.
- Projektwirtschaft: weniger Benchmarks, weniger Preistransparenz, teurere Zugänge. Für Deutschland liefert Trovarit rund 4.400 Euro je ERP-Arbeitsplatz und etwa zwölf Monate Projektdauer; für Großbritannien existiert keine vergleichbare Erhebung, und Sage Intacct, Sage 200 und NetSuite veröffentlichen dort keine Listenpreise. Die Personalseite ist gut vermessen – Median-Tagessatz 550 Pfund, Median-Gehalt 60.000 Pfund – und seit dem Brexit teurer, weil EU-Berater eine Sponsorschaft brauchen.
Quellen und Methodik
Diese Seite wurde im September 2026 mit britischen Quellen recherchiert – Geschäftsberichten und Presseerklärungen der Anbieter, amtlichen Statistiken von ONS und Department for Business and Trade, Gesetzestexten auf legislation.gov.uk, HMRC- und Companies-House-Guidance, Arbeitsmarktdaten sowie Preisseiten der Hersteller – und aus deutscher Perspektive eingeordnet. Alle Quellen sind englischsprachig. Marktgrößen weichen je nach Abgrenzung um mehr als das Doppelte voneinander ab; wir nennen deshalb Herausgeber und Bezugsjahr und weisen Spannen aus, statt einen Wert auszuwählen. Mehrere naheliegende Größen sind nicht belegbar und fehlen bewusst: britische ERP-Marktanteile nach Anbietern, die Statista-Marktgröße für das Vereinigte Königreich (kostenpflichtig), UK-Kundenzahlen von SAP, NetSuite, Sage 50 und QuickBooks, britische Benchmarks zu Projektdauer und Projektbudget, Pfund-Preisspannen für NetSuite sowie Daten zum Offshoring britischer ERP-Projekte. Ob Peppol als Pflichtnetz der E-Rechnung ab 2029 festgelegt wird, ist auf gov.uk nicht belegt und daher als offen dargestellt. Preisangaben stammen von den Herstellerseiten mit Stand 3. September 2026 und verstehen sich, wo angegeben, ohne Mehrwertsteuer; eine Umrechnung in Euro unterbleibt mangels dokumentiertem Referenzkurs.
- Marktgröße und Struktur: Market Research Future — UK ERP Software Market; Next Move Strategy Consulting — UK ERP Software Market; Cargoson — How Big is the ERP Market?; ERP Research — ERP Market Share 2026; Apps Run The World — Top 10 ERP Software Vendors, Market Size and Forecast; Statista — Enterprise Resource Planning Software, United Kingdom (kostenpflichtig)
- Anbieter: The Sage Group plc — Results FY2025; Sage — Abschluss der Brightpearl-Übernahme; The Access Group — Annual report FY2025; Hg — Investment in The Access Group; IRIS Software Group — Investment von Leonard Green & Partners; IRIS — Abschluss der Dext-Übernahme; OneAdvanced — Refinanzierung über 1,2 Mrd. Pfund; Klipboard — Rebranding von Kerridge Commercial Systems; CapVest — Übernahme von Kerridge Commercial Systems; Forterro — Unternehmensangaben; Orderwise/Forterro — Übernahme von Wise Software; Khaos Control Solutions; Apps Run The World — Intact iQ Kundenbasis; Xero — FY26 Annual Results Investor Presentation
- Internationale Anbieter im UK: TheirStack — Unternehmen mit Business Central in Großbritannien; ERP Research — Dynamics-365-Partner im UK; TopDynamicsPartners — Dynamics-365-Partner im UK; NHS Shared Business Services — Go-live mit Oracle Fusion Cloud; UK & Ireland SAP User Group — About us; Embridge Consulting — exklusiver Unit4-Reseller für den UK-Public-Sector
- Mittelstand, Digitalisierung, Förderprogramme: DBT — Business population estimates 2025; ONS — UK business: activity, size and location 2025; HMRC — Supporting mid-sized business; Family Business UK — Sektorkennzahlen; ScaleUp Institute — Annual Review 2025; ONS — Management practices and technology adoption 2023; ONS — Artificial intelligence in UK businesses 2023 to 2026; DSIT — Technology Adoption Review; DBT — SME Digital Adoption Taskforce Final Report; DBT — Help to Grow: Digital, Evaluationsbericht; DBT/Ipsos — Made Smarter Adoption, Wirkungsevaluation; Made Smarter — The Impact of Made Smarter
- Steuern und Making Tax Digital: HMRC — VAT rates; GOV.UK — VAT registration thresholds; GOV.UK — VAT Returns: Deadlines; HMRC — VAT Notice 700/22 (Making Tax Digital for VAT); HMRC — Extension of Making Tax Digital for VAT; HMRC — Making Tax Digital for Income Tax; HMRC — Penalty points for late VAT Returns; GOV.UK — Corporation Tax rates
- E-Rechnung: HMRC/DBT — Electronic invoicing: Konsultationsergebnis; ICAS — E-invoicing will go ahead from 2029; Avalara — UK mandatory e-invoicing 2029; DHSC — NHS e-procurement strategy (GS1 und Peppol); Peppol Validator — Peppol in the United Kingdom
- Rechnungslegung und Companies House: FRC — FRS 102; FRC — Periodic Review der UK-/Irland-Standards; legislation.gov.uk — Companies Act 2006, s. 403; legislation.gov.uk — Companies (Accounts and Reports) (Amendment) Regulations 2024; legislation.gov.uk — Bilanz- und GuV-Formate (SI 2008/410, Schedule 1); Companies House — Verifying your identity; Companies House — Changes to accounts (Software-only Filing); GOV.UK — Company and accounting records; GOV.UK — Penalties for late filing
- Lohn und Payroll: GOV.UK — Running payroll: Reporting to HMRC; GOV.UK — Strafen bei verspäteter Payroll-Meldung; GOV.UK — Payroll software; HMRC — Rates and thresholds for employers 2026 to 2027; GOV.UK — National Minimum and Living Wage rates; GOV.UK — Workplace pensions; HMRC — Employer Bulletin Juni 2026 (Payrolling of Benefits); GOV.UK — Payroll: annual reporting and tasks
- Datenschutz: legislation.gov.uk — Data (Use and Access) Act 2025; legislation.gov.uk — Commencement No. 6 Regulations 2026; legislation.gov.uk — Data Protection Act 2018, s. 157; Europäische Kommission — Angemessenheitsbeschlüsse; Hill Dickinson — Änderungen durch den Data (Use and Access) Act
- Zoll und Handel: HMRC — Customs Declaration Service; GOV.UK — Get an EORI number; HMRC — Präferenzzölle zwischen UK und EU; HMRC — Postponed VAT Accounting; HMRC — UK Internal Market Scheme; HMRC — Entry summary declarations; Cabinet Office — Border Target Operating Model; HMRC/HM Treasury — UK Carbon Border Adjustment Mechanism
- Öffentliche Aufträge, Zahlungsverhalten, Sonderabgaben: legislation.gov.uk — Procurement Act 2023, s. 68; legislation.gov.uk — Procurement Act 2023, s. 73; DBT — Business payment practices and performance; legislation.gov.uk — Payment Practices Reporting Regulations 2017; Office of the Small Business Commissioner — Fair Payment Code; GOV.UK — Small Business Protections Bill; Home Office — Modern Slavery Statement; HMRC — Plastic Packaging Tax; Defra — Extended Producer Responsibility for packaging; HMRC — Construction Industry Scheme; legislation.gov.uk — Finance Act 2022, Schedule 14 (Electronic Sales Suppression)
- Preise, Implementierung, Arbeitsmarkt: Microsoft UK — Business-Central-Preise; Xero UK — Preispläne; Intuit — QuickBooks Online UK Preise; Sage UK — Sage 50 Accounts; The Access Group — Access Financials; NoBlue2 — NetSuite Pricing (UK-Partnerangabe); Software Path — ERP Report; Lumenia Consulting; ITJobsWatch — ERP-Tagessätze; ITJobsWatch — ERP-Gehälter; DfE — Employer Skills Survey 2024; Skills England — Sector Skills Needs Assessment Digital; HMRC — IR35: Anhebung der Kleinunternehmensschwellen; GOV.UK — Skilled Worker Visa; GOV.UK — Immigration Skills Charge; HMRC — Agents, Small and Mid-Sized Businesses Customer Survey 2025
- Deutsche Unternehmen im britischen Markt: German Industry UK — Kennzahlen zur deutschen Präsenz; AHK Großbritannien — Deutsch-Britische Industrie- und Handelskammer
- Deutsche Vergleichswerte: ERP-Statistiken (Mordor Intelligence, Eurostat, Bitkom, Trovarit, techconsult/Forterro) und ERP-Marktanteile auf erp-software.org
Häufig gestellte Fragen
Welche ERP-Systeme sind in Großbritannien am weitesten verbreitet?
Eine belastbare Marktanteilsstatistik nach Umsatz oder Stückzahlen liegt für Großbritannien nicht öffentlich vor – weder Gartner noch IDC veröffentlichen frei zugängliche UK-Länderanteile, und Statista stellt seine UK-Zahlen hinter eine Bezahlschranke. Belegt sind dagegen die Größenordnungen der Anbieter: Sage aus Newcastle setzte im Geschäftsjahr 2025 in Großbritannien und Irland 554 Mio. Pfund um, Xero zählte im März 2026 rund 1,32 Mio. britische Kunden, und The Access Group aus Loughborough nennt über 160.000 kleine und mittlere Organisationen als Kundenbasis. Bei den internationalen Systemen ist Microsoft Dynamics 365 Business Central besonders sichtbar: Die Technologiedatenbank TheirStack erfasste 2026 rund 1.229 britische Anwenderunternehmen und damit den zweitgrößten Ländermarkt nach den USA. Im Großunternehmens- und Public-Sector-Segment prägen SAP, Oracle Fusion Cloud, Unit4 und Infor das Bild.
Braucht eine britische Tochter ein anderes ERP als die deutsche Zentrale?
Nicht zwingend, aber das System muss mehrere britische Eigenheiten sauber abbilden, die es im deutschen Standard nicht gibt. Dazu gehören Making Tax Digital – die VAT-Meldung muss seit April 2022 für alle registrierten Unternehmen aus einer Software heraus über die HMRC-Schnittstelle laufen, und HMRC erkennt ausdrücklich kein Kopieren und Einfügen als zulässige digitale Verknüpfung an –, die Lohnabrechnung nach dem Real-Time-Information-Verfahren mit einer Meldung an oder vor jedem Zahltag, sowie ein frei definierbarer Kontenrahmen, weil der Companies Act 2006 nur Bilanz- und GuV-Formate vorschreibt und kein Pendant zum SKR kennt. Große Konzerne lösen das über die UK-Ländervariante ihres Konzernsystems; kleinere Töchter können ein lokales System – etwa Business Central, Sage Intacct oder Access Financials – mit Konsolidierung in die deutsche Zentrale betreiben; belastbare Zahlen dazu, wie deutsche Töchter im Vereinigten Königreich tatsächlich entscheiden, liegen nicht vor. Entscheidend ist weniger die Marke als die Frage, wer die HMRC-Anbindung, die Payroll und die Companies-House-Einreichung verantwortet.
Gibt es in Großbritannien eine E-Rechnungspflicht wie in Deutschland?
Noch nicht, aber sie ist beschlossen. Nach einer Konsultation von HMRC und dem Department for Business and Trade zwischen dem 13. Februar und dem 7. Mai 2025 mit 342 Antworten kündigte die Regierung am 26. November 2025 eine verpflichtende E-Rechnung für alle VAT-Rechnungen ab 2029 an; eine Roadmap soll zum Budget 2026 folgen. Nach Einschätzung des schottischen Wirtschaftsprüferverbands ICAS startet die Pflicht im April 2029 für B2B und B2G, zunächst ohne Echtzeitmeldung an HMRC und ohne vorgeschriebenen Standard. Ob Peppol als zentrales Netz festgelegt wird, ist entgegen mehrerer Beraterveröffentlichungen auf gov.uk nicht belegt und bleibt offen. In Deutschland gilt dagegen seit dem 1. Januar 2025 bereits die Empfangspflicht und ab 2027 beziehungsweise 2028 die Sendepflicht – der britische Markt liegt hier rund vier Jahre hinter dem deutschen.
Was kostet ein ERP-Projekt im britischen Mittelstand?
Eine britische Benchmark-Erhebung zu Projektkosten und Projektdauern im Mid-Market liegt öffentlich nicht vor; die belastbaren Zahlen betreffen Lizenzen und Tagessätze. Microsoft nennt für Dynamics 365 Business Central in Großbritannien 61,50 Pfund je Nutzer und Monat für Essentials und 84,60 Pfund für Premium, jeweils jährlich abgerechnet und ohne VAT; Access Financials wird mit einem Richtpreis ab 10.508 Pfund im Jahr für ein Unternehmen mit 40 Beschäftigten beworben, während Sage Intacct, Sage 200 und NetSuite in Großbritannien gar keine Listenpreise veröffentlichen. Bei den Personalkosten liegt der Median-Tagessatz britischer ERP-Freelancer laut ITJobsWatch in den sechs Monaten bis zum 2. September 2026 bei 550 Pfund, für Dynamics-365-Spezialisten bei 500 Pfund, mit einem oberen Dezil zwischen 675 und 750 Pfund. Als Orientierung für die Gesamtinvestition bleibt nur die ältere Erhebung von Software Path aus 1.384 Auswahlprojekten mit durchschnittlich 9.000 US-Dollar Budget je Anwender, die allerdings international gemischt ist.
